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Logische Schneisen IV

Die Verknüpfungs- oder Ausschließungsregeln, gemäß denen du die Begriffe verbindest und trennst, bilden die Ordnung der Vernunft.

Solche Regeln ähneln den Regeln der Straßenverkehrsordnung, wonach wir hierzulande gehalten sind, auf der rechten Seite der Straße zu fahren. Diese Vorschrift ist insofern willkürlich und rein konventionell, als wir es ja auch wie die Briten halten könnten. Nicht willkürlich und nicht bloß konventionell ist der Zwang zur Entscheidung für eine der beiden Alternativen oder in anderen Fällen für irgendeine von gegebenenfalls mehreren Alternativen.

Weil das System unserer Erfahrung uns die erfahrbaren Momente, Gegenstände und Ereignisse, als Bündel ein- oder mehrstufiger Relationen von Eigenschaften gleichsam in den logischen Raum hineinstellt, kommen wir nicht umhin, unsere Behauptungssätze aus Ausdrücken für Gegenstände und zu ihnen relative generelle Terme aufzubauen.

Die Ordnung der Vernunft ist mit der Sprache gegeben. Vernunft und Sprache sind gleichsam da oder nicht da – du gelangst nicht von einer Welt ohne Vernunft und Sprache in einer Folge kontinuierlicher Übergänge zu deiner Welt von Vernunft und Sprache. Du musst springen oder du hast schon immer springen müssen, hast den Sprung schon immer hinter dir – denn keine Erinnerung reicht an jene Pseudo-Welt des Unbewussten jenseits der Grenzen des logischen Raums zurück.

Die seltsamen Leute, die Sprache und Offenbarung theologisch pantschten, waren der Wahrheit näher als die heutigen ungemein pfiffigen und zugleich ungemein dummen Evolutionsbiologen und Evolutionspsychologen, die eben jener Kontinuität unmerklicher Übergange von der bewusstlosen und sprachlosen Welt zu unserer Welt des Bewusstseins und der Sprache auf der Spur zu sein wähnen.

Was sollte es zwischen der Welt des Bewusstseins und der Sprache und der unbewussten und sprachlosen Pseudo-Welt geben und ermöglichen, dass diese in jene überginge? Man hat das mythische Bild von Keimen oder Logoi spermatikoi vor Augen. Dies aber trügt. Der Keim zum Bewusstsein und zur Sprache ist schon das ganze Ding.

Sicher, du hast sprechen, lesen, denken gelernt. Aber das erste Wort war schon die ganze Initiation. Mit dem ersten Ein-Wort-Satz warst du schon im Besitz der ganzen Sprache. Mit der primären Initiation in die Welt der Bedeutung war deine Fähigkeit zum Verstehen und Denken geboren.

Du kannst die Zahlenreihe bis zur Erschöpfung immer wieder mechanisch abschreiben und auswendig lernen. Du kannst Additionsmuster auswendig lernen und zur Frage „Was ist 14 X 14?“ das richtige Resultat nennen, ohne dass wir dir zugestehen würden, du wüsstest, was es heißt, zu rechnen. Wenn du verstanden hast, dass du mit der Regel x + 1 und x – 1 die Reihe der natürlichen Zahlen aufbauen kannst, wenn du verstanden hast, dass die Menge dieser Murmeln verteilt auf die Menge dieser Münzen dieselbe Zahl repräsentiert, hast du das Wesen der Zahl und des Zählens und Rechnens verstanden.

Es gibt keinen Anfang des Bewusstseins, der Erfahrung, der Sprache, des Denkens. Bewusstes Erleben, Sätze, Gedanken sind Elemente des logischen Raums, der kein Außen, keinen Anfang, kein Ende hat.

Die Ordnung der Sprache und der Vernunft hängt und schwebt gleichsam in der Luft. Es gibt kein Fundament, weder eine natürliche oder historische Ursache noch einen psychologischen Grund, auf dem sie aufruhte und ihre Rechtfertigung bezöge. Du kannst das Denken nicht durch Angabe von Gründen rechtfertigen, nur den einzelnen Gedanken, den einzelnen Satz. Es gibt keine Antwort auf die Frage: „Warum soll ich vernünftig denken?“ Oder auf die Frage: „Warum soll ich sinnvoll reden?“ Das Spiel der Gründe ist ein Spiel innerhalb der Grenzen des logischen Raums von Sprache und Vernunft.

Sätze über etwas, die nicht verneint werden können, sind sinnlos. Wäre der Satz „Der Mond ist der Erdtrabant“ ein solcher Satz, wäre er keine empirische Aussage, ein Satz über etwas in der Welt, sondern eine Festsetzung wie die, der zufolge 2 x 2 = 4 ist.

Festsetzungen können allerdings nicht verneint, nur angenommen oder verworfen werden. Wenn wir mit ihnen operieren, zum Beispiel addieren und multiplizieren oder Schlüsse ziehen, haben wir sie akzeptiert. Andernfalls rechnen und denken wir nur scheinbar.

Wenn wir sagen: Du kannst nicht gleichzeitig etwas und sein Gegenteil behaupten, reden wir nicht über ein physisches oder psychisches Versagen. Nicht-Können im logischen Raum gleicht mehr einer Tabuisierung oder einem moralischen Verbot als einer physisch-psychischen Blockade.

Natürlich kannst du so tun, als überschrittest du die Grenze des logischen Raums – aber diese Donquichotterie ist vergebliche Liebesmüh, bringt dir nichts, aus diesem Jenseits kommst du mit leeren Händen zurück. Aber du kommst ja nicht zurück – du bist schon immer gleichsam zu Hause.

Die Möglichkeit der Verneinung ist die Möglichkeit, immer etwas Wahres zu sagen oder deine Äußerungen stets mit der Realität in Einklang zu bringen, mit der Realität in Harmonie zu bleiben. Wenn strahlendes Wetter deine Annahme und Behauptung, es regne, augenscheinlich eines Besseren belehrt, so ist es schon gut und alles in Ordnung, wenn du deine ursprüngliche Aussage verneinst.

Du kannst diesen gewaltigen Stein nicht mit der Hand hochheben. Du kannst einen schwarzen und einen weißen Fleck nicht gleichzeitig an demselben Ort im Gesichtsfeld wahrnehmen. – Auf dem Mond könntest du den Stein vielleicht heben. Doch gibt es keine Welt, in der du Schwarz und Weiß zur gleichen Zeit am selben Ort sehen könntest. Dieses Nicht-Können ist kein psychisches Unvermögen, sondern eine Art logischen Zwanges, der aber nichts anderes als unsere Form der Klassifikation der Farben widerspiegelt. Die Aussage über die Farben ist daher keine empirische Aussage, kein Satz über eine Tatsache der Welt, sondern über eine Festsetzung im logischen Raum. Mit dem physisch und psychisch Unmöglichen stoßen wir an die Grenzen unserer Fähigkeiten, mit dem logisch Unmöglichen an die Grenzen des logischen Raums.

„Dies ist kein Satz“ heißt, dies sieht nur so aus wie ein Satz, sieht nur so aus, als hättest du etwas behauptet, in Wahrheit hast du Unsinn geredet, das heißt nichts gesagt.

Verstehen ist autonom und setzt sich gleichsam selbst voraus. „Ich verstehe diesen englischen Ausdruck nicht“ ist gutes Deutsch. „Ich verstehe meine Muttersprache nicht“ scheinbar gutes Deutsch, in Wahrheit aber Unsinn.

Wenn du dein Zimmer aufräumst, kannst du Kraft und Zeit sparen, indem du ökonomisch vorgehst und zum Beispiel erst den Tisch abräumst und dann abwischst. Doch was du in welcher Reihenfolge im Schrank und auf den Regalen stapelst, unterliegt rein praktischen Erwägungen. – Die Ordnung der Sprache und des Denkens lässt allerdings nur gewisse Zusammenstellungen und Kombinationen von Elementen zu. Letztlich kommst du immer wieder auf die Grundform der behauptenden Aussage zurück, nämlich zu sagen, etwas sei so und so.

Logische Schneisen III

Aussagen, die du über deine augenblicklichen Empfindungen und Sinneswahrnehmungen machst, zum Beispiel: „Ich sehe in dieser Ecke einen roten Fleck“, sind evident – auch wenn du einer Täuschung unterlegen sein solltest und im physikalischen Sinne in jener Ecke kein roter Fleck ist, also von dort keine Lichtfrequenzen ausgestrahlt werden, die du als roten Fleck wahrnimmst. Die Evidenz wird klar, wenn du Sätze über deine Empfindungen und Wahrnehmungen mit „Mir scheint, dass p“ formulierst. Sätze dieser Art sind stets wahre Aussagen, und wenn du sie mit Datum und Ortsangabe versiehst, dann sind es wahre Sätze mit zeitlich und räumlich uneingeschränkter Geltung.

Der Satz „Ich glaube, dass der Mond aus Käse besteht“ ist ein wahrer Satz über deinen Bewusstseinszustand des Glaubens, während der Satz „Der Mond besteht aus Käse“ ein zwar sinnvoller, aber falscher Satz über die Beschaffenheit unseres Erdtrabanten darstellt.

Die Konjunktion „Der Mond besteht aus Käse und ich glaube nicht, dass der Mond aus Käse besteht“ ist nicht falsch, aber unsinnig – denn du kannst nicht sinnvoll den Inhalt deines Für-wahr-Haltens negieren, also nicht für wahr halten.

Sonnvolle Sätze mit Behauptungscharakter sind entweder wahr oder falsch; sinnlose Sätze sind nicht einmal falsch.

Der eine findet den vergrabenen Schatz auf der Insel anhand eines typographisch genauen Lageplans; der andere anhand einer minutiösen sprachlichen Beschreibung – man kann sagen, dass die Bedeutung dieser beiden Darstellungen identisch ist. Daraus folgt, dass ein und dieselbe Bedeutung in unterschiedliche Darstellungsmedien transformiert oder in unterschiedlichen Darstellungsmedien modelliert werden kann, ohne dass die Bedeutung, der Inhalt der Mitteilung und Darstellung, modifiziert würde.

Die Bedeutung von Wörtern ist die Permutation aller sinnvollen Sätze, in denen sie vorkommen können.

Weil die Permutation der Wörter in all den sinnvollen Sätzen, in denen sie vorkommen können, unendlich ist, ist die Identität der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke nicht vollständig definiert und abgegrenzt. Das ist nichts als der Reflex der trivialen Wahrheit, dass Sprache im Dienst des Lebens steht. Ein Rest von Vagheit bleibt. Aber damit können wir leben – sc. sprechen.

Das Bewusstsein ist eine Funktion, in der beliebige Erlebnisinhalte als Werte der Variable eingesetzt werden können – und immer resultiert ein wahrer Satz.

Wir können uns zwar eine Welt und also eine Welt des Bewusstseins denken, in der es keine Farben hat, aber keine Welt, in der ein Rotton als grünlich spezifiziert würde. Die Klassifikation der Farben liegt gleichsam im logischen Raum.

Aufgrund verfehlter Analogien gerätst du in die Fallstricke falscher oder unsinniger Fragestellungen. Du hältst einen des Bewusstseins gänzlich ermangelnden physischen Gegenstand wie einen Stein neben die psychische Tatsache, dass sich all deine Erlebnisse wie konzentrische Kreise um den Mittelpunkt deines Ego ordnen – und stolperst prompt in die Frage, wie denn die eine Tatsache mit der anderen zusammenstimmen könne, wie ein Kontinuum die Welt des Toten und die Welt des Lebendig-Bewussten verknüpfend durchziehen könne. Du bist vollends verstrickt mit der Frage, wie sich aus der Welt bewusstloser physischer Objekte die Welt erlebniszentrierter Egos zu entwickeln vermöchte. Und weiter ins Gestrüpp: Mittels welcher evolutionärer Mechanismen könne dies wohl geschehen sein, oder handele es sich um unüberbrückbare Seinsweisen, und das Bewusstsein wäre am Ende ein unerhörtes, mein und dein Bewusstsein quälendes Rätsel im Reich des Unbewussten?

Wir unterscheiden: Erstens triviale, unproblematische Begriffe oder Alltagsbegriffe, die wir fraglos und problemlos verwenden: „Bring uns doch zwei Stück Kuchen vom Bäcker mit“ oder „Übermorgen nehmen wir den Zug nach Wien“ – unser Alltagsverstand und unser Schulwissen reichen aus, um Begriffe wie „zwei Stück“ oder „Wien“ zu definieren oder zu beschreiben.

Zweites gibt es extrem viele nichttriviale, unproblematische Begriffe, die wir nur so obenhin und so lala gebrauchen wie Quarks, Quantenrechner, Photonenstrahl, Ionisation, aber auch Molekül, Boson, Kristall, DNA, Quasar oder Perm und Karbon oder auch Zahl, Reihe und Menge, deren exakte Definition und Beschreibung ein hohes Maß an Expertenwissen erfordern. Wir gebrauchen sie aber meist ohne Not und Gewissensbisse, weil wir, in Bedrängnis geraten durch unleidliche oder neugierige Zeitgenossen mit ihren zudringlichen Fragen, immer irgendwo einen Experten auftreiben können, der uns aus der Klemme hilft.

Drittes haben wir uns an den unbefragten Gebrauch nichttrivialer, aber sinnloser Begriffe gewöhnt, Rudimente und Sedimente untergegangener und verschütteter Mythologien wie Urstoff, Materie, Lebenskraft, Äther, Gleichzeitigkeit oder Reflexe epidemisch virulenter zeitgenössischer Ideologien wie Phallozentrismus, Alterität, Dekonstruktion, die wir bloß ironisch oder gelegentlich poetisch verwenden oder aus unserem Wörterbuch streichen sollten.

Viertens verwenden oder stoßen wir auf wenige triviale, aber problematische Begriffe, die wir Grundbegriffe, Basisbegriffe oder apriorische und axiomatische Begriffe nennen wie Ich, Selbst, etwas, Gegenstand, Körper, Raum-Zeit, Bewusstsein, Sprache, Bedeutung, Sinn, Wahrheit und Falschheit. Sie sind trivial, weil wir sie umstandslos verwenden, problematisch aber, insofern wir ihre Definition und Erklärung nicht auf Anhieb angeben können, auch wenn wir zurecht das vage Gefühl haben, dass ohne sie das System unserer Erfahrung augenblicks zusammenbrechen würde. Sie fungieren nämlich gleichsam als Gelenke des gesamten Systems der Erfahrung, durch welche der Gebrauch aller anderen Begriffe mit Sinn, Gehalt und Struktur begabt und versehen wird.

Vernunft ist die Harmonie, die konsistente und kohärente Anwendung, der logischen Grundbegriffe und logischen Grundsätze wie des Satzes der Identität oder des Satzes vom Widerspruch auf das gesamte System unserer Erfahrung. Die Vernunft ist die Ordnung unserer Erfahrung gemäß den logischen Grundbegriffen und Grundsätzen.

Die Vernunft kann sich und ihr Gegenteil, den Wahnsinn, umfassen und erklären, nicht aber umgekehrt – der Wahnsinn steht fassungslos vor der Vernunft.

Logische Grundbegriffe und Grundsätze begrenzen den logischen Raum von innen – sie bilden eine Art Muster, das in den nach ihm gemodelten und gefertigten Einzelstücken, den einzelnen Sätzen, exemplifiziert wird.

Die basale Exemplifikation des Begriffs etwas oder Gegenstand ist der Körper.

Wir reden gewöhnlich nicht von Gegenständen als von Körpern, sondern sagen etwas über diesen Tisch, deinen Fuß, mein Fahrrad oder die Tatsache, dass es regnet. Aber in all solchen Sätzen haben wir die Regeln über die korrekte Verwendung der Grundbegriffe und Grundsätze in unserem System der Erfahrung mit Körpern vorausgesetzt und exemplifiziert. Wir wissen, dass Körper im trivialen Sinne mit gewissen phänomenalen Eigenschaften wie Festigkeit, Plastizität, Starre oder Dehnbarkeit, mehr oder weniger genauen Grenzen, Größe, Gewicht, Farben usw. in unserem Wahrnehmungsraum auftauchen, verharren, sich bewegen, verschwinden.

Wir wissen aber auch, dass Körper physikalische Eigenschaften haben, die in unseren Wahrnehmungsraum sich nicht vollständig einfügen und darin nicht vollständig erfassen lassen, wie die relative Konstanz ihrer Dingform. Wir erwarten zurecht, dass der Hund, der jetzt hinter dem Gebüsch aus unserem Sichtfeld verschwunden ist, gleich wieder aufkreuzen wird, und gehen nicht davon aus, dass er in der Zwischenzeit seiner Unsichtbarkeit für uns sich in Luft aufgelöst und in unser Gesichtsfeld eintretend sich wieder materialisiert hat. Wir stopfen die Lücke in unserem Wahrnehmungsfeld mit der einfacheren Hypothese über die relative Konstanz des Körpers bei seinen Bewegungen durch die Raum-Zeit.

Logische Schneisen II

Der Begriff Bewusstsein eröffnet eine logische Dimension, einen logischen Raum. Er ist kein empirischer Begriff wie Baum, Pferd, Mensch oder Gehirn – sondern der Grund und die Voraussetzung dafür, dass wir über empirische Begriffe dieser Art verfügen.

Das Gehirn weist empirische Messwerte auf, es ist so und so groß, so und so schwer, hat so und so viele Neuronen etc. Das Bewusstsein ist weder groß noch klein, weder leicht noch schwer, es besteht auch nicht aus Teilen. Das Bewusstsein ist die logische Dimension, innerhalb deren es möglich ist, von Gegenständen und Sachverhalten in der räumlich und zeitlich geordneten Welt zu sprechen.

Es ist also Unsinn zu fragen, wie eine Welt ohne Bewusstsein aussähe, eine Welt ohne das Vorkommen von menschenähnlichen Wesen, die sich ihrer und der Tatsachen der Welt bewusst sind, oder eine Welt mit menschenähnlichen Zombies, die sich ihrer und der Tatsachen der Welt nicht bewusst sind.

Der Begriff Bewusstsein eröffnet einen logischen Raum – aber dieser hat nicht wie ein Zimmer ein Außen und Innen, in ihm befinden sich nicht wie in einem Zimmer diese und jene Gegenstände. Das Gehirn freilich kannst du von außen betrachten, und es befindet sich im Raum des Schädels.

Es ist wie mit der Sprache: Willst du etwas über die Sprache herausfinden, musst du dich ihrer bedienen, musst du sprechen. Also sind Untersuchungen und Betrachtungen über das Bewusstsein und die Sprache – nennen wir sie halt Philosophie – keine empirischen Untersuchungen und Betrachtungen – wie die chemische Untersuchung des Wassers, die in seiner chemischen Analyse resultiert. – Hier gerätst du notwendigerweise ins Stocken und Stottern oder bist genötigt, zu sprachlichen Verrenkungen und Zwitterbildungen zu greifen, wie wenn du sagst, das Bewusstsein sei autonom, sorge für sich selbst oder setze sich selbst voraus oder die Sprache sei autonom, sorge für sich selbst und setze sich selbst voraus.

Du weißt wohl oder in etwa, wie es sein mag, wenn du aufgrund der Einnahme einer sogenannten bewusstseinsverändernden Droge oder einer unzureichenden Ausschüttung von Transmittern und anderen Botenstoffen im Gehirn von normalen Bewusstseinszuständen mehr oder weniger gravierend abweichende Bewusstseinszustände erlebtest – du hörst Stimmen, aber da sind keine Leute, die sprechen, du siehst Gesichter, aber das sind keine Tiere oder Menschen, die sie zeigen. Auch ein unter Drogeneinwirkung delirierendes Bewusstsein, auch ein unter einem akuten psychotischen Anfall leidendes Bewusstsein erfüllt die Bedingungen, die die Anwendung des Begriffs Bewusstsein sinnvoll machen: Du hörst etwas, du siehst etwas. Du sagst: Ich höre etwas, ich sehe etwas. Du würdest – auch nicht im Drogenrauch oder während eines psychotischen Anfalles – sagen: Ich höre etwas, aber es ist nicht wahr, dass ich ein Geräusch, einen Klang, eine Stimme wahrnehme (auch wenn da nichts ist, das die physikalisch korrespondierenden Luftschwingungen verursacht). Du würdest unter den gleichen Bedingungen auch nicht sagen: Ich sehe etwas, aber es ist nicht wahr, dass ich eine Fratze, ein tierisches Gesicht, ein menschliches Gesicht wahrnehme (auch wenn da nichts ist, das die physiklisch korrespondierenden Lichtfrequenzen aussendet).

Die Aussage: „Ich sehe etwas“, „Ich höre etwas“, kurz: „Ich nehme etwas wahr“ bildet die logische Struktur der Welt ab, in der wir leben. Sie enthüllt die Autonomie und Unableitbarkeit der Begriffe Ich (Selbst, Bewusstsein), etwas (Gegenstand, Sachverhalt) und Welt (logischer Raum aller möglichen Gegenstände und Sachverhalte). Sie enthüllt die interne notwendige Relation oder die interne notwendige Polarität der Begriffe Bewusstsein und Welt (als logischer Raum aller möglichen Gegenstände und Sachverhallte).

Der Begriff Bewusstsein ist keine Tatsache der Art, wie wenn du sagst: „Er hat das Bewusstsein verloren.“ Der Begriff Bewusstsein ist die logische Voraussetzung dafür, dass wir von Tatsachen überhaupt reden können – auch der in jenem Satz ausgedrückten Tatsache.

Das Bewusstsein ist kein Name eines Objekts, sc. des Gehirns. Wie das Verstreichen des Zeigers über dem Zifferblatt einer Uhr den Begriff der Zeit exemplifiziert, aber nicht erklärt, so exemplifiziert dein Erlebnis eines Einkaufs, eines Spaziergangs, eines Rendezvous den Begriff des Bewusstseins, erklärt ihn aber nicht.

Wissenschaftler, die sich anmaßen, das Bewusstsein als logische Dimension „naturalisieren“ zu wollen, ähneln Philosophen, die sich damit brüsten, den alten Hut der Vernunft an der Garderobe der Psychiatrie oder des Variété déconstructiviste in Paris abgegeben zu haben. Wie erst die Philosophen, die sich jene Wissenschaftler zum Vorbild nehmen!

Das Wissen, dass du einer Tatsache der Welt und deiner selbst bewusst bist, hat nicht die propositionale Struktur des Wissens, das in der Gleichung 2 x 2 = 4 oder in dem Satz „Der Mond ist der Erdtrabant“ ausgedrückt ist.

Umgekehrt: Dass du die Ereignisse der Welt als Sachverhalte und Tatsachen auffasst, die sich in der propositionalen Satzform „Ich meine, dass p“ abbilden, ist eine Funktion oder Ableitung des Bewusstseins.

Ähnlich wie der Vorgang des Lesens nicht als Wirkung der von den gedruckten oder geschriebenen Buchstaben ausstrahlenden Lichtfrequenzen auf das Auge, den Sehnerv und das Sehzentrum des Gehirns (neben anderen Hirnarealen) aufgefasst werden kann (Wie könntest du dich denn verlesen oder wie könntest du dann das Gelesene verstehen?) – ebenso wenig kann das Bewusstsein als phänomenale oder epiphänomenale Wirkung der kausalen Vorgänge im Gehirn aufgefasst werden.

Ein Meer, das nirgendwo Grenzen hat und nirgendwo an ein Ufer stößt, ist eigentlich kein Meer. Aber das Bewusstsein und die Sprache haben keine Grenzen – wir können aus der durch das Bewusstsein ursprünglich mitgegebenen Welt nicht fliehen. Auch sterbend verlassen wir nicht die Welt, sondern sie verlässt uns. Wir können nicht aufhören zu reden: Schweigen heißt ja nicht reden, aber wieder reden können. Wir können nur weitersprechen – oder verstummen. Doch wer wirklich verstummt, hat sich nicht der Sprache versagt, sondern die Sprache hat sich ihm versagt.

Das Bewusstsein ist ein logischer Raum, der eine ununterbrochene Skala, ein Kontinuum, unaufhörlich ineinander übergehender Bewusstseinszustände vom Moment größter Zerstreuung und Bewusstseinstrübung bis zum Moment höchster Aufmerksamkeit und Klarheit umfasst. In jedem Moment, dem dunkelsten wie dem hellsten, sind gleichsam alle Momente enthalten. In jedem Moment deines wachen Lebens weißt du mehr oder weniger deutlich um diesen Moment und dass du es bist, der ihn erlebt. Weltbewusstsein und Selbstbewusstsein sind notwendig aufeinander bezogen und ineinander verschachtelt – aber nicht so wie Erlebnisinhalt und Reflexion des Erlebnisinhalts, die wiederum als Erlebnis zweiter Stufe aufgefasst werden kann usw. ad infinitum. Solch ein unendlicher Regress findet hier nicht statt.

Logische Schneisen I

Wenn du nur etwas sagst, hast du schon alles gesagt.

Etwas sagen heißt, jemandem etwas bedeuten oder zu verstehen geben. Dies ist die Basis-Handlung. In und mit welchen Medien sie ausgeführt wird, lässt die logischen Form unberührt.

Wenn du durch Nicken den anderen aufforderst, etwas Bestimmtes zu tun, hast du eine klare Aussage gemacht. Dein Gegenüber muss dabei verstehen, dass dein Nicken nicht unwillkürlich war, also kein nervöser Reflex, sondern willkürlich oder absichtlich. Als Basis-Handlung muss die Aussage intentional sein.

Nicken kann dem anderen nur in einem Kontext etwas bedeuten, etwa wenn er als Bittsteller an deine Tür tritt und du ihn mit dieser Geste einlädst. Ohne Kontext kann mit Gesten dieser Art nichts oder nichts Eindeutiges und Bestimmtes zu verstehen gegeben werden. Sie sind logisch und sprachlich unterstrukturiert.

Dein Gegenüber muss nicht nur verstehen, dass er angesprochen ist, sondern auch, was er verstehen oder was er tun soll. Indem er das im Inhalt der Aussage Angegebene ausführt, bekundet er in der Regel sein Verständnis des Gesagten – er könnte natürlich auch in diesem Moment aus eigenem Antrieb das Angegebene ausführen und nicht, weil du es verlangst. Dann bleibt offen, ob er verstanden hat oder nicht.

Die Geschichte, wie du die Anwendung der Wörter gelernt hast, ist in der Anwendung der Wörter nicht mitgegeben, sie ist gleichsam verschwunden und vergessen: Du kannst es. Du kannst reden und lesen und verstehen, ohne dich an die ursprüngliche Lernsituation erinnern oder an eine besondere Erfahrung zurückbesinnen zu müssen.

Daher scheinen Lesen und Verstehen, ja spontanes Sprechen gleichsam in der Luft zu schweben und ohne Bodenhaftung der Gefahr jähen Abstürzens ausgesetzt zu sein.

Du liest – und bist dir der grammatischen Regeln, denen der Text gehorcht, nicht bewusst. Aufgefordert, diese und jene Regel anzugeben, vermagst du es nicht. Und doch liest du ohne Schwierigkeiten. So auch mit dem Verstehen und Reden.

Was Grundlage des Argumentierens und Beweisens ist, kann nicht argumentativ abgeleitet und bewiesen werden.

Mittels der Uhr vergewissern wir uns der aktuellen Uhrzeit. Die Zeit ist die logische Dimension, in der wir zeitliche Einteilungen und Messungen vornehmen. Die Zeit als Dimension kann nicht vermessen werden. Vom Anfang oder Ende der Zeit zu reden, ist daher Unsinn.

Es ist töricht, sich über die Korrektheit des Metermaßes dadurch Gewissheit einholen zu wollen, dass man sich der Übereinstimmung des Meters bei mehreren Zollstöcken vergewissert.

Du gibst jemandem eine Rose zum Geschenk. Wenn ich dir mit einem Satz etwas zu verstehen gebe, hat diese Handlung nicht die Struktur, die jene Handlung hat, mit der du ein Geschenk überreichst. Das, was ich dir zu verstehen gebe, die Bedeutung des Satzes, ist allerdings jener Bedeutung analog, die du mit dem Geschenk der Rose zu verstehen geben kannst, wenn du damit nämlich deine besonderen Gefühle dem Beschenkten gegenüber zum Ausdruck bringen willst.

Der sinnvolle Gebrauch des Wörtchens „nicht“ oder des analogen Ausdrucks oder der analogen grammatischen Form in jeder beliebigen Sprache ist die logische Grundlage des Denkens. Denn wenn du etwas sagst, sagst du dies und nicht etwas anderes. Dabei ist das logische Universum dessen, was du von dem ausschließt und abgrenzt, was du sagst, von dem, was du sagst, determiniert. Wenn du sagst: „Dieser Kreis ist gelb“, schließt du aus, dass er rot, blau oder grün ist, aber auch, dass es sich bei der gezeigten Figur nicht um einen Kreis, sondern etwa um ein Rechteck handelt.

Sagst du: „Der Kreis ist gelb und rot“ sagst du die Wahrheit, wenn er teils gelb, teils rot ist. Sagst du: „Der Kreis ist gelb und nicht gelb“, ohne diese Aussage durch nähere Bestimmungen der Zeit oder des Raumes einzugrenzen, redest du bekanntlich Unsinn, weil Widersprüchliches. Du sagst etwas, was du zugleich nicht gelten lässt, also sagst du nichts.

Vergleiche die Begriffe „unwahr“ und „unsinnig“: Wenn du bis zuletzt dich beim Memory-Spiel auf die Zugehörigkeit zweier Karten nicht besinnen kannst, werden am Ende schlimmstenfalls zwei Orte von vier falsch zugeordneten Karten bedeckt sein. Deine Behauptung, die Karten wären äquivalent und deckungsgleich, wäre unwahr. Doch der Rest ist gut und gleichsam unbeschädigt. Dagegen halte, was in der Odyssee Homers Penelope treibt: Sie löst das tagsüber gewirkte Tuch des Nachts wieder auf, am Ende steht sie mit leeren Händen da, alle Liebesmüh ist vergebens und alles ist nichts – auch wenn dieser „Selbstwiderspruch der Tat“, dieses unsinnige Tun, in diesem Falle ausnahmsweise intendiert ist.

In nuce

Du meinst des Lebens ungeheure Fülle
zu umfassen mit der Hand,
die sich um den kleinen Zapfen einer Kiefer schließt.

Keine Hand und keine Elle,
kein Maß und auch kein tiefer Blick,
die weiche Zunge nicht,
die sich die feinsten Risse,
der Lebenswunde dunkle Zeichen,
geistesschnell erfühlt und prüft –

kein Wort, das wie die Spore
in den Strom des Reifens,
Siegens und Erliegens
fortgespült hinüberstrudelt –

kein Rätselbild,
das sich in spiegelnden Gesichtern
spannt und löst –

sie fassen und umfassen
des Lebens ungeheure Fülle nicht.

Doch du und ich,
einander stille haltend,
Hand in Hand,
an Blicken wie an Spinnenfäden
uns aneinander sinken lassend,
Schicht für Schicht,
Sinn für Sinn,
tiefer bis zum stillsten, reifsten, unberührten Grund –

um dort zu liegen zwischen Tod und Traum,
ruhig atmend beieinander –

und unsre Lippen sprechen,
sich leise rührend
unterm warmen Zustrom reinen Wissens,
uns einander los –

schon halb versunken
in der Dünung ewigen Verwehens.

Aus dem Tagebuch eines Wanderbusens

12. 6. 2013 – Bin jetzt seit zwei Wochen sozusagen auf eigenen Füßen und solistisch unterwegs. Die vollständige Emanzipation von meiner Trägerin war moralisch geboten und psychologisch alternativlos. Das ewige Gejammer über mein lustloses Schwappen, mein unmotiviertes Quatschen und unerhört! meine passiven und defätistischen Hängepartien machten mir den Coup unausweichlich.

14. 6. – Habe nunmehr die halbe Stadt durchwandert. Die untere Berger Straße mit ihrer reizenden urbanen Quirligkeit und dem Luxus schattig-erquickenden Rückzugs in den Bethmannpark gaben den Ausschlag, in diesem Viertel meinen ersten Sommer in Freiheit zu verleben.

17. 6. – Heute Einladung und Pressekonferenz in der Lokalredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, diesem heilsamen Bittertrank für intellektuell übersäuerte Mägen. Hieb mit dem Florett die mir von den Ewiggestrigen hingehaltene Rübe entzwei, ein Busen könne niemals allein … müsse schließlich als natürliches Paar … wo bleibe denn die der Schöpfung einbeschriebene natürliche Ganzheit der fraulichen Natur … bis endlich einer der Großkopferten der Redaktion, ein wie eine flachbrüstige Redaktionsassistentin mir zuflüsterte parfümierter Salonbolschewist und eigentlich harmlos-fideler Bewohner seines geistigen Entenhausens sich erhob und eine flammende Apologie auf die revolutionären Potentiale der Fragmentierung des Körpers vom Stapel ließ … solche destruierende Verrudimentierung könne sich auch literarisch in innovativen Schreibweisen … als der Kerl sich in Rage gepredigt hatte und mich mit seinen speckigen Redakteurspfoten onkel- und gönnerhaft tätscheln wollte, setzte ich zu meinem bekannten allesentscheidenden Busenhüpfer, auch liebevoll Busenhupferl genannt, an und entwatschelte der johlenden Journaille. Am Ausgang erwischte mich noch die Flachbrüstige und hielt mir einen Wisch mit der Adresse eines gewissen Dr. K. im Frankfurter Nordend hin. Dort solle ich unbedingt meine Aufwartung machen, der Büchernarr und feinsinnige Versequacksalber sei als bekennender und allseits bekannter Busenfreund, ja Busenfetischist, der richtige Ansprechpartner …

20. 6. – Wieder schön im Bethmannpark bei glänzendem Humor lustwandelt. Die Sonnenglut kitzelte mich zu lüsternen Phantasien und lustige Tropfen rannen mir über – ich hätte fast gesagt die Wangen. Netzte mich wohlig neben den Enten im Teich, Kühlung suchend, und rieb mir auf den Moosen des Ufersteins den Allerwertesten auf das Erquicklichste. Hüpfte schließlich auf eine Bank, mich auszustrecken oder vielmehr abzusacken. Sehnsuchtsvoll reckte ich die rosige Warze antennenfühlig ins hohe Blau, was mich schon bald wie perlender Sekt beseligte. – Setzte sich neben mich ein rot angelaufenes Männlein, wischte sich mit einem riesigen karierten Taschentuch den Schweiß von der Stirn, schneuzte geräuschvoll hinein, faltete es andächtig zusammen und steckte es umstandskrämerisch in die Hosentasche zurück. Dann nahm es mich wahr, das Männlein, schrak zurück und stammelte halb entrüstet, halb verlegen, ob man denn jetzt schon mitten an einem hellen Sommertage ohne Büstenhalter im städtisch gepflegten und gewarteten Bethmannpark freizügig auf der Bank sitzen dürfe … Ich konterte nicht schlecht und parierte mit der Gegenfrage, woran denn bitte der eingeforderte Büstenhalter mich freien Busen festmachen und halten können solle, ich sei schließlich solo unterwegs und gedenke es auch zu bleiben …

22.6. – Habe detektivisch Umschau gehalten und diesem Dr. K. hinterherspioniert. Will doch mal sehen, was er so treibt, bevor ich ihn anspreche oder ihm gar mein Herz ausschütte. – Horchte erstmals auf, als ein Kioskbetreiber, bei dem er neben der F. A. Z. noch andere Giftsachen bezieht, ihn geradezu devot mit Titel begrüßte. K. ließ sich das ohne mit der Wimper zu zucken gefallen, aber da er keine Miene verzog, schien ihm die Anrede auch nicht besonders zu schmeicheln. Überhaupt ist sein Mienenspiel mehr auf visuelle und olfaktorische als akustische Reize hin ausgerichtet: Pfeift eine Amsel fidel daher, plätschert im Chinesischen Garten das Brünnchen, ja saust bloß der Wind ums Eck des Musikantenwegs, fährt ihm eine kindliche Freude mit sanfter Hand über die Stirn; beim Geruch von Mandeln oder Vanille, von im heißen Fett knisternden Kartoffelpuffern oder frischen Sardellen muss er grinsen und stellt den Kopf schräg wie ein verblüfftes Kind, beim schweren Duft mancher Parfüms schließt er unwillkürlich die Augen und ein Glanz salbt sein Gesicht mit fettem Friedensöle.

23. 6. – Der zieht immer in denselben Latschen windschief daher. Sein unterentwickelter Modegeschmack, das ausgeleierte Schuhwerk, sein störrisch staksender Gang und seine tiefsinnig tröpfelnde Indianernase scheinen mir nicht auf reichhaltige lyrische Flöze zu deuten.

25.6. – Bin ganz schön braun geworden. Steht mir gut. Was aber wird im Winter? Da brauche ich ein warmes Nest. Trotzdem habe ich begonnen, mir ein wärmendes Mützchen zu häkeln.

26. 6. – Heute wurde Herr K. doch blass, als ich bei ihm geklingelt habe und aus heiterem Himmel an seiner Tür erschien. In einer Schrecksekunde unerbetener Erleuchtung begriff er da wohl, dass die letzte komisch-groteske Phase seines Erdenlümmelns eingeläutet worden ist, da hinfort seine leichtfertig, mutwillig, böswillig oder einfach aus Dusel entworfenen Kreaturen sich aufdringlich verleiben und ihn zu peinlichen Selbstbefragungen heimsuchen.

Doch hatte er sich, ganz Philosoph, oder soll ich sagen, schon recht abgestumpft?, bald gefasst und bot mir in seiner mit Büchern verstopften Wohnung Platz auf einem wackligen Stühlchen in der Küche, war auch rührend um mein leibliches Wohl besorgt, indem er mit Tee und Feingebäck aufwartete. Wie er mich anblickte, wie ich verlegen auf dem Stuhl hin- und herrutschte!

Eins muss man ihm lassen: Dumme Fragen stellt er nicht! Hätte ja auch kein Recht darauf. Jedenfalls fragt er nicht wie all die aufgeklärten Platt- und intellektuellen Fischköpfe, all die F. A. Z. lesenden Illiteraten, wie denn dies alles nur möglich sei, wie ein Busen denn seiner Trägerin entfliehen, wovon ein entlaufener Busen sich denn ernähren könne, wie etwas ohne Hirnschmalz denken, wie ohne Beine gehen, ohne Hände schreiben können soll. Und wie die immerfort moralisch betroffenen Stirnrunzler anklagend zu bedenken geben: Bezeuge es nicht einen gänzlichen Zerfall des moralischen Bewusstseins, wenn von dem elenden Zustand der einstigen Eigentümerin, Besitzerin und Nutznießerin dieses gewissenlosen Busens mit keinem Wörtchen die Rede sei? All diese dämlichen Fragen stellte mir Herr K. nicht, wofür ich ihm sehr dankbar war.

Ja, K. ließ durchblicken, dass ich recht daran tat, von zu Hause auszubüchsen und mich um das Gewesene keinen Deut zu scheren. Denn Teil einer grotesken Geschichte zu sein enthebe von jeder stilverderbenden Pflicht und erhebe den Teilnehmer auf die olympische Alm fettglänzenden Humors und irisierender Immoralität. Ich sei, so mein Herr K., eine semantische Elendsbagatelle und Unglücksarabeske, für einen kurzen Flirt mit dem Absurden und ein flottes Tänzchen mit dem Unmöglichen auf das Manierlichste und Herzigste zu Diensten. Die von mir recht treuherzig verballhornten Menschlichkeiten und die grellen Effekte komisch-grotesker Art möchten die Lachmuskeln reizen – und während man lacht oder lächelnd dem Irrealen nachsinnt, denkt man nicht an das wahre Ausmaß des wahren Elends, samt hundsföttischem Tod und anderen Gebrechen, Beulen und Geschwulsten des Daseins. Sei das nicht vielleicht außerhalb des moralischen Bezirks im engeren Sinne eine moralische Klein- oder auch Großtat im weiteren Sinne? So dienen des Elends verzerrte Mienen und Missbildungen, seine Schieflagen und Perversionen einzig als Kringel und Luftschlangen kindlicher Vergnügungen.

29. 6. – Ich habe beschlossen, bei K. zu bleiben. Er mag verkorkst und eigensinnig sein, er mag durch den Nebel der Selbstverkennung tappen, so hat er doch ein wenn auch hinter Versponnenheiten und Versonnenheiten gut verstecktes gutes Herz. Ich finde in der Wohnung die schönsten Verstecke und gemütlichsten Ecken und Winkel. Auch bin ich froh, dem Gejohle der Gassenjugend entronnen zu sein, aber auch den kalten Schnauzen der Hunde, die es immerzu trieb, mich zu beschnuppern und zu schubsen, ja denen ich, wenn sie schon ein Bein emporgehoben hatten, nur mit einem gewagten und heroischen Busenhupferl entweichen konnte.

2. 7. – Oft sitze ich im Schatten unter duftenden Lilien und lausche dem Singsang und lullendem Gebrummse und Gesummse, wenn K. meinem Betteln endlich nachgibt und einige seiner lyrischen Gedichte rezitiert. Die liegen mir besonders. Da kann ich bei jeder zitternd-zögernden Wendung in mich hineinzittern, mit jeder Emphase mich schütteln und rütteln und bei elegischen Pointen passiertʼs glatt, dass mir ein milchiges Tröpfchen entspritzt.

4. 7. – Ich will doch vorsichtig sein und habe ein gutes Versteck für mein Tagebuch ausfindig gemacht – gleich unter K.s Matratze, so dass mir der Gedanke, wie er nachts sich auf meinen Zeilen wälzt, kein geringes Vergnügen bereitet. Es wäre, denke ich, wohl alles in allem mehr irritierend als erheiternd für K., wenn seine kurzsichtigen Augen diesen intimen Zeilen nachtasten würden.

7. 7. – Des Abends hebt mich K. auf beide Hände und lässt mich sanft in den dunklen Bauch einer großmundigen chinesischen Vase hinabgleiten, wo ich auf leise schwappendem Wasser gleich einer Teichrose schwebend in die Nacht dämmere. Manchmal drehe ich mich im Kreis und lausche den einzelnen Tropfen nach, die vom Innern der Vase wie Schweißperlen herabrinnen und ins Wasser stürzend platzen und klatschen. Manchmal ist mir, als hörte ich im Finstern ein Herz schlagen oder es ist der dumpfe Hall einer fernen Glocke.

9. 7. – Ab und an bekommt K. Damenbesuch. Da werde ich schon zeitig in die Vase gelassen und mit dieser in einer Abstellkammer im Zwischenstock über dem Korridor verborgen. Es überkommen mich wenig zuträgliche, seltsam gemischte Gefühle, wenn mädchenhaftes Gekicher und ziegenbockiges Gemecker von unten zu mir dringen. Da beginnt mir das Kreisen auf dem Wasser Schwindel zu erregen, es wird schneller und schneller, ich kann es nicht hemmen, die Vase ist erfüllt von Glucksen und Seufzen, eine unnatürliche Wärme steigt vom Boden wie aus brackigem Grund eines Morastes auf.

Da muss ich seltsame Laute vernehmen, „Ui!“ und „Wui!“, „Schlubbes“ und „Schrubbes“, „Boahaumi!“ und „Itzeflaudi“. Ich kann nicht dagegen an, es überkommt mich ein kitzelnder Reiz, der mich vibrieren macht und kichern, ja kichern, endlich fange ich das Zwitschern an wie ein zu früh erwachtes Vögelchen. Meine anmutig aufgereckte Warze beginnt wie eine Boje auf hoher See zu schaukeln und wie eine Liebesmücke in der Frühlingsnacht zu glühen.

11. 7. – Der gute K. nahm mich heute, ein fremder Busen traulich verborgen und geborgen an seinem Busen, in sein Stammlokal mit, wo ihn an der Bar ein großes Hallo! begrüßte. Das war eine mir doch gar zu fremde Welt und eine hemdsärmelig schulterklopfende und haudegenhafte Geselligkeit unter Mannsbildern, die halbherzig zu weicheren Gesten nur neigen, wenn ihre Blicke sich in den Ausschnitt der Bedienung verlieren. Witze knallen wie Federbälle an die Wände, sind lose wie Knöpfe am Hosenschlitz. Aus balkanischem Kauderwelsch scheinen wie in giftigem Nebel Blitze krummer Dolche aufzutauchen. Da war es mir wohl, als K. nach draußen ging, um allein an einem Tischchen bei flackerndem Kerzenschein zu rauchen und ein paar Zeilen in sein Notizbuch zu kritzeln – merkte er wohl, dass ich ihm souffliert habe?

13. 7. – Heute ist die Vase gesprungen. Mitten in dem „Hui!“ und „Ui!“, dem „Schlutzen“ und „Mutzen“ fing das Wasser in der Vase in meinem Versteck an zu sprudeln und zu brodeln, ich drehte mich schnell wie eine CD-Scheibe und mir entrang sich ein hoher Pfeifton, der abrupt umschlug in das Zischen einer in die Enge getriebenen Ratte. Da sprang die Vase entzwei. Totenstille. Das Schicksal nahm seinen Lauf.

18. 7. – Die Freundin hatte das Geheimnis entdeckt, mich aus den Scherben geborgen und mit einem Ausdruck von Abscheu demonstrativ Herrn K. auf den Küchentisch gelegt. Und sie entschwand stante pede, den Regenhut tief ins Gesicht gedrückt, auf Nimmerwiedersehen!

24. 7. – K. ist verschwunden. Habe lange gewartet, bin von Zimmer zu Zimmer gehüpft. Da machte ich eine bizarre Entdeckung: Auf der Wand in der Küche sind die Konturen von K.s Körper wie ein eingebrannter Schatten abgebildet. Als wäre er durch die Wand gegangen, als hätte sich sein Körper atomar aufgelöst und sei mit der Materie von Lehm und Kalk, Mörtel und Gips regelrecht verschmolzen.

27. 7. – Der Schattenriss von K.s Körper hat sich mit einem zarten Flaum hellgrüner Flechten und Moose überzogen. – Jetzt habe ich nur noch den einen Gedanken: Wandern, ich will wandern, loshüpfen und entspringen bis über die Grenze, hinter der ein Busen frei seiner Nacktheit und seinem hochgemuten Eigensinn leben kann.

30. 7. – War schon aus der Tür, da überkam mich der Gedanke, ob ich K. nicht den letzten Gefallen schuldig sei, seine Webseite mit einem einzigen fatalen Tastendruck zu löschen. Doch beließ ich es, wie es ist und geht und weitergeht – möge all das Geschriebene und Gedachte, Gefühlte und Kaum-Gefühlte, das Mitgeteilte und in zarten Allusionen Herbeigeschwiegene in dem schwarzen kosmischen Wind verwehen, in dem letzten Sturm, in dem alle Gestalten und Formen und Strukturen zerrissen und in einer letzten apokalyptischen Egalisierung gesichtslos werden.

14. 1. 2014 – Hurra, ich hab es wohl getroffen. Ich bin zur Insel Kallisto im pazifischen Ozean geflogen, lebe hier in einer freizügigen Kommune entlaufener primärer und sekundärer Geschlechtsteile. Wir leben sanft und gut von nichts als Luft und freier Liebe!

Schabernäckchen oder: Sei doch nicht so!

Schieb doch keinen Hals,
mein lieber Schwanenhals!
Panta rhei, falls
du dich erinnerst
an die Sprüche jenes Schwerenöters.

Sei doch kein Spielverderber,
mein schlauer Seelenfärber,
alles geht vorbei,
alles springt entzwei
oder dreht sich mit dem Wedeln eines Straßenköters.

Zieh doch keine Schnut,
fass, mein Täubchen, Mut,
die Krähen hab ich all verjagt,
zu lieben hat dein Herz gewagt,
wenn süßer Anhauch das Gefieder bauscht.

Mach doch keinen Terz,
lass dich herzen, Herz,
das Süppchen hab ich schon verrührt,
zu goldenen Träumen dich verführt
mein Liedchen, dir vom lieben Atem abgelauscht.

Entseelt oder der Induktionsstrom eines Rätsels

Kannst etwa du, geistreicher Mensch,
du Schlaumeier vor der hohen Mauer,
wohinter die Hexe Glasharmonika spielt,
kannst du aus dem prallen Müllsack,
gefüllt mit Sägespänen, den Atem und Geist,
den großen, von weiser Rinde umschlossenen,
weitausgreifenden Willen zum Licht des Baums
erkennen, erahnen, wiederbeleben?

Die Seele starb dir vor Jahren dahin –
oder ist sie damals durch einen genitalen Schock,
die Induktionsladung liebeskranker Sphinx,
die fatale Einsicht in den niederen Rang deiner Träume,
den kalten Schlangenkuss des Schicksals
vor der Zeit in Ohnmachtsstarre gefallen?

Der Körper lebte einfach weiter so vor sich hin,
in den alten Routinen,
den geschmeidigen Atavismen
den Troglodyten-Automatismen –
o wie charmant die Verbeugung,
wie entzückend das Lächeln des Somnambulen!

Oder so wie ein Huhn, dem der Kopf abgehauen ward,
eine gute Strecke noch flatternd weiterwatschelt …

Welch ein Blitz, welch Gebrüll eines Cherubs,
welcher Peitschenhieb des Mistrals,
und die Nussschale des Talmi-Totseins knackte?

Vielleicht kehrt die Huld eines kindlichen Engels
die fleckigen Blätter, die sterilen Pollen, die Wahn-Blüten
deines entseelten Daseins
mit galant rechendem Fittich
unter den unechten Teppich
vor dem TV-Flat-Screen deiner Kleinbürgerwohnung.

Liebe stopft das Lästermaul

Die Zeit ist nicht zum Grübeln da –
das würdest du verübeln, pah!,
wenn ich deine Wimpern zähle
und nicht deine Haare strähne.

Die Welt ist nicht zum Kritteln da –
das würd ich mir verbitteln, pah!,
wenn du mir die Dornen zeigst
und von meinen Rosen schweigst.

Der Mund ist nicht zum Schweigen da –
du würdest mir was geigen, pah!,
wenn ich an deiner Schnut nicht hänge,
Küsschen in dein Plauschen menge.

Willkommen und Abschied

Das erste Willkommen, die erste Begrüßung, widerfährt dir von der Mutter, sobald sie dich geboren hat. Wie sie dich empfängt, herzlich oder als leidigen Gast und Störenfried aufnimmt, ist dir das Leben gebahnt.

Die erste Begrüßung ist nicht reziprok, denn du bist zu dieser und noch lange Zeit nicht in der Lage, dein Gegenüber als solches wahrzunehmen und zu grüßen. Aber du kannst schon fühlen, wie es dich wahrnimmt, wie es dir zugetan oder abgeneigt ist, wie es dich begrüßt. Wirst du mit Liebe empfangen, schlägt dein Herz ruhig, wenn aber mit Verdruss, Missgunst oder Angst, bleibt es unruhig ein Leben lang.

Wie du begrüßt und ins Leben geleitet wurdest, so wirst auch du widergrüßen und deine Gäste, deine Freunde und deine Lieben bewillkommnen: barsch und unwillig, wenn du ihnen von der Fülle und Heiterkeit des Lebens etwas abmarkten und abschneiden willst, freundlich und gönnend, wenn die Konstellation deiner Geburt günstig und glücklich war.

Einmal aber musst du für immer gehen, einmal Abschied nehmen für immer. Vielleicht mögen in allen Abschieden, die du in deinem Leben erlebt hast oder die dir widerfahren sind, die Auspizien des letzten Abschiedes enthalten und mehr oder weniger stark der letzte Schmerz des letzten Weggangs spürbar gewesen sein. Gewiss in den großen und schweren Abschieden von deinen Eltern, Kindern, Geliebten …

Rituale und sprachliche Wendungen für Bewillkommnung und Verabschiedung müssen zwei in mehr oder weniger großer Spannung zueinander stehende Bedingungen erfüllen: Sie öffnen und schließen den sozialen Raum des Kontakts und der Kommunikation und sie drücken die soziale Distanz oder Nähe der Kommunikanten aus. In patriarchalisch geprägten Kulturen bleibt die Distanz der Geschlechter auch im gemeinsamen Raum der Kommunikation gewahrt, der Mann reicht der Frau unaufgefordert nicht die Hand. Wir pflegen dem Ranghöheren nur dann die Hand zu reichen, wenn er seinerseits zuvor uns die Hand dargeboten hat. Eine gute Kinderstube beweist, wer bei Annäherung eines Gastes vom Stuhl aufsteht oder als Mann nur stehend der Dame die Hand reicht.

Wir beobachten, dass in den alltäglichen Ritualen und Konventionen der Verabschiedung wie in dem unschuldigen Euphemismus der Formel „Auf Wiedersehen“, und dies in vielen Sprachen, die unbequeme oder dunkle, aber stets reale Möglichkeit eines endgültigen Abschieds magisch gebannt zu werden scheint.

Man kann auch umgekehrt sagen: Die Verabschiedungsformeln drücken den Wunsch nach Fortsetzung und Kontinuität der begonnenen oder wiederaufgenommenen Kommunikation aus. Diese ist aufgrund der Fragilität der menschlichen Natur und der Komplexität der sozialen Beziehungen nie völlig sicher und gewiss. Der Tod des Kommunikationspartners ist die extreme Form des Abbruchs des Kontinuums, dessen weniger harte Einschnitte und Unterbrechungen durch Irritation und Entfremdung zustande kommen.

Die Rituale und Formeln des Grüßens und Abschiednehmens sind magischen Ursprungs: Von Anbeginn verspüren Menschen bei der Begegnung mit ihresgleichen geheime Kräfte walten, die sie als freundlich oder feindselig, förderlich oder unheilschwanger deuten. Um Unheil und Feindseligkeit abzuwehren, beschwört man die guten Mächte: Deshalb ist das ursprüngliche Grüßen ein Segnen, wie die rituelle Abwehr des Bösen und Unheilbringenden ein Fluchen. Auch die der christlichen Überlieferung entstammenden Abschiedsformeln „Tschüss!“ oder „Tschö!“ im Norddeutschen, denen bekanntlich „Ade!“ im Süddeutschen entspricht, leiten sich von magischen Verwendungen der Anrufung Gottes ab, wie sie in den romanischen Sprachen in den Formeln „adieu“, „addio“ und adéus“ greifbar sind. Ihre lateinische Grundform „ad Deum“ lässt sich so deuten: „Gottes Segen sei mit dir!“

Der Ursprung der sozialen Nahkommunikation aus der Magie wird ersichtlich aus der biologischen Notwendigkeit des Familien- und Gruppenlebens, die Zugehörigkeit und Wiedererkennbarkeit zu garantieren, die Treue und Zuverlässigkeit der Gruppenmitglieder zu sichern. Man erkennt bekanntlich seinesgleichen am Stallgeruch, menschlich gesprochen an angeborenen und künstlichen Kennzeichen wie Gesicht und Gestalt, Bemalung, Schmuck und Symbol. Erinnert sei daran, dass ursprünglich als Symbole in der Mitte entzweigebrochene Knochen oder Tonscheiben fungierten, deren genaues Zusammenfügen und Zusammenpassen bei der Begegnung die Legitimität der Partner in der anstehenden Kommunikation (zum Beispiel zwischen Vertrags- oder Verhandlungspartnern) sicherstellen sollte.

Den soziale Wert des Grüßens und Gegrüßtwerdens ermisst du aus seinem Verlust: Wenn der Bekannte oder Freund, ein Mensch, der seinen Gruß dir so lange Zeit entbot und dadurch zum Ausdruck brachte, wie nahe er dir stand, dir auf der Straße begegnet und deiner ansichtig geworden betreten unter sich schaut, kannst du daraus schließen, dass er dich aus der Gemeinde seiner Nahkommunikation ausgeschlossen hat. Dir obliegt es, darüber nachzudenken, welche Gründe ihn zu diesem Ausschluss bewogen haben mögen. Was hast du falsch gemacht? Welchen Fauxpas hast du begangen? Haben Neider oder dir unliebsame Zeitgenossen dich bei ihm verleumdet? Liegt dem Ganzen ein Missverständnis zugrunde, das du ausräumen könntest und solltest?

Wiederum sei auf die andere Möglichkeit der Deutung dieser zweideutigen Geste hingewiesen: Jener, der betreten unter sich schaut, wenn er dich auf der Straße trifft, und somit einer Begrüßung ausweicht, kann auch seine eigene soziale Position dir gegenüber revidiert haben und nunmehr sich selbst als unwürdig einstufen, von dir gegrüßt zu werden. Daraus könntest du folgern, dass er etwas angestellt hat, was ihn in seinen Augen dir gegenüber in Misskredit gebracht und diskreditiert hat. Er müsste vor seiner eigenen Türe kehren, um das Feld für eine neue Begegnung zwischen euch in Augenhöhe zu bereinigen.

Intellektuelle

Ein wandelndes Lexikon nannten sie ihn. Wie zwiespältig, wie betrübend! Dann lieber Wissens bar und fröhlich-idiotisch, unbeschwert von Bildungshuberei, als lustiger Reifen durch die Landschaft und die heiter-blaue Luft surren und sausen, von einem Wildfang von Kind ins Rollen gebracht und auf Trab gehalten.

Intellektuelle, scilicet: Männer, die das frisch auf der überdüngten Weide des Verlagswesens mit gieriger Schlabberzunge abgegraste und hektisch anverdaute Kraut der neuesten Veröffentlichungen bei Gelegenheit jeder Begegnung unverzüglich mittels umgedrehter Peristaltik wieder hochwürgen – sie blicken irren Auges, als wüchse von innen der Druck – und einander gegenseitig gnadenlos ins Gesicht speien.

Was nicht zitiert worden ist, kann wahr und richtig nicht sein. Also zitieren sie sich selbst.

Allerweltsbegriffe blähen sie auf, bis sie ballonartig platzen. Die Fetzen sammeln sie eifrig auf, alle Bedeutung klebt ihnen daran.

Ihr Ehrgeiz: mit giftigen Ausspuckungen enigmatischer Wendungen und verblüffender Sottisen das Gegenüber in Ohnmacht zu versetzen.

Namen sind ihnen Trophäen: Der eine ist persönlich mit dem bekannt, der andere mit jenem. Alles stets Namen von Rang und Welt. Der dritte aber kennt einen brutal tätowierten Boxer, einen perversen Sträfling und Halunken, einen grausamen Clanchef: Diesen bewundern sie aufrichtig, ihm spenden sie den meisten Applaus.

Wenn sie Einfluss über die Medien nehmen können, ähnelt ihr Gebaren je höher sie steigen mehr und mehr dem der Aufseher und Direktoren der Umerziehungslager: Den schüchternen Schöngeist, der an ihren Maximen mit Brechreiz herumwürgt und sie vor all den anderen wieder erbricht, erledigen sie durch den Handstreich einer einzigen Schlagzeile. Jenem servilen Schlaukopf, der sobald sie sich nähern papageienartig ihre Lieblingsphrasen herunterdekliniert und die Namen ihrer Lieblingsautoren wie ein Marktschreier herausbrüllt, streichen sie über das Haar und promovieren ihn honoris causa. Jenen auch verhätscheln sie und nehmen ihn ins Bett oder lüften ihm das Bett ihrer Geliebten, der ihre Ideen mit den Farben der Saison ausmalt.

Sie blättern im eigenen Leben, leider auch in dem Leben der anderen, wie in einem Buch – Seiten, die ihnen nicht unmittelbar eingehen und einleuchten, Seiten, die ihren eitlen, parfümierten Jargon vermissen lassen, Seiten gar, die ihnen anstößig erscheinen oder verräterische Flecken und Lücken aufweisen, reißen sie ohne zu zögern heraus. So gehen ihnen Fluss und Zusammenhang der Erzählung allmählich mehr und mehr verloren, bis ihnen der vollends verstümmelte und fragmentierte Text lauter Rätsel aufgibt.

Die Kunde über die Vorstellung des neu erschienenen Buchs der hochgefeierten, skandalumwitterten Busen-Schönen oder die mit Radau vollzogene Ausstellung des stets in Unterhosen und grünen Socken auftretenden Starmalers lockt sie wie Aasgeruch die heulende Meute der Hyänen. Wie sie es hassen, bei solch hervorstechenden Ereignissen stets in der Meute der Gleichgesinnten aufzutauchen, wie sie es bedauern, die Beute des Gesehenen, Gehörten, Veratmeten immer mit anderen teilen zu müssen. Aber immerhin, es gewinnt, wer den größten Brocken herauszubeißen und herauszustechen, wer den famosesten Happen wegzuschleppen weiß. Der mit dem härtesten Biss gilt ihnen als der Meister, der das Bedeutsamste zu sagen und das Gewichtigste zu schreiben hat.

Sie wähnen in ihrem klapprigen und immer stärker leckenden Kahn, mit jeder hastig hingeschriebenen Zeile den Abstand zwischen sich und dem Ufer zu vergrößern, auf dem ein schlangenhaariges, bleckendes Ungeheuer bellend hin und herläuft und ihnen wieder und wieder einen Steinbrocken entgegenschleudert. Und wirklich wird der Abstand größer, aber nicht wegen der sich Zeile für Zeile hinwischenden Todesschreibekstase, sondern weil hinter ihnen das immer schneller strömende Wasser schon bald in einen jähen Abgrund hinabstürzt.

Zwei Raben krakeelen und krächzen von benachbarten Bäumen einander zu. Immer fällt der eine dem anderen ins Wort, immer lauter und wilder, unheimlicher und abgerissener wird das Gekrächze. Auf dem Boden zwischen den Baumstämmen hocken eingeschüchterte Tauben und ducken das Köpfchen ins Gefieder: Wie verstörend und verwirrend prasselt das Geschrei der Meisterdenker auf sie herab – es schwindelt sie bei dem plötzlich aufgehenden Gedanken, über ihnen werde in solch garstigem Zwiegespräch nicht über erhabene Dinge gehandelt, sondern über ihr eignes Geschick – welche von ihnen als erste dran glauben müsse.

Die Pflicht zur Konvention

Für Prof. Dr. Gerhard Preyer, Frankfurt am Main

Wenn du dich nach dem Befinden eines Menschen erkundigst, der dir nahesteht und der kürzlich einen kleinen Unfall erlitten hatte (nichts Dramatisches, aber schmerzhaft durchaus), handelst du aus dem Beweggrund echter Anteilnahme und Besorgnis, indem du deine Gefühle oder Gestimmtheiten hinsichtlich der Lage des Betroffenen mittels angemessen gefühlvoller sprachlicher Ausdrücke und Wendungen dieser Person in einer E-Mail mitteilst.

Zugleich erfüllst du mit dieser Handlung eine Konvention, die besagt: „Drücke einem dir nahestehenden Menschen, der von einem Missgeschick, Unfall oder Unglück betroffen ist, durch geeignete Mittel deine Anteilnahme aus.“

Wir nennen dies die Konvention A, kurz KA, und untersuchen die Bedingungen, die sie erfüllen muss, um erfolgreich angewandt zu werden oder schlicht zu gelingen.

KA besagt, du sollst in dem bewussten Falle deine Anteilnahme zum Ausdruck bringen, Intensität und Art und Weise der Anteilnahme werden nicht spezifiziert. Auch wenn du keine tief gefühlte, echte Anteilnahme und Besorgnis für die betroffene Person, die dir nahesteht, empfinden solltest (du magst dies abstreiten: wir prüfen dich auf Herz und Nieren oder scannen dein Gehirn und finden es heraus), vielleicht weil der Mensch dir neulich krumm kam oder du ihm zurzeit ein ungehöriges Verhalten und eine Missachtung deiner Person nicht nachsehen kannst, fühlst du dich dennoch gehalten und genötigt, ihm deine Anteilnahme zu bezeugen, indem du ihm eine E-Mail mit gefühlvollen Ausdrücken deiner Besorgnis zukommen lässt. Mit dieser Handlung erfüllst du die Pflicht zur Konvention.

Auch über die Art und Weise, wie du deine Anteilnahme für den Mitmenschen zum Ausdruck bringen magst, ist in der Definition zu KA nichts Bestimmtes ausgesagt. Die Auswahl obliegt deiner Urteilskraft, die das Nötige vom Überflüssigen, das Angemessene vom Übertriebenen oder Unzureichenden zu differenzieren wissen sollte. Manchmal genügt in minder schweren Fällen ein lieber Gruß, ein freundliches Winken, ein herzhaftes Anklopfen. Manchmal sind verbindlichere Maßnahmen erfordert, dann solltest du einen Krankenbesuch machen und nicht mit leeren Händen aufkreuzen. Und manchmal solltest du bei akuten Unfällen sogleich Erste Hilfe leisten oder den Notdienst verständigen. Eine subtile Art der Anteilnahme besteht in der Hilfe oder besser dem Anstoß zur Selbsthilfe, wenn der Betroffene den letzten Kick braucht, um aus seiner vielleicht selbstverschuldeten Lethargie und Lebensbetäubung aufzuwachen und die Sorge für das eigene Wohl und Wehe in die Hand zu nehmen.

Die Bedingung, die erfüllt sein muss, damit KA gelingt, umfasst nicht den spezifischen Inhalt der Gefühle oder Gestimmtheiten, die dich bewegen, KA zu vollziehen. Wenn dies nicht der Fall ist, kann es nicht richtig sein, dir in dem Falle, dass du gleichgültige oder gar feindselige Gefühle gegen die betroffene Person hegst, zu unterstellen, dein Verhalten sei geheuchelt oder verlogen. Dies träfe nur zu, wenn die Bedingung das schwer zu bestimmende und kaum zu ermessende Kriterium der Echtheit, Authentizität und Intensität deiner Gefühle mit umfasste. Dies ist laut Definition nicht der Fall. Es ist also nicht nur unsinnig, sondern geradezu unrichtig, demjenigen, der der Nötigung zur Höflichkeit nachgibt, auch wenn er die Person, der er Höflichkeit bezeigt, nicht mag, Heuchelei oder Verstellung vorzuwerfen. Denn gemäß Bedingung kannst du empfinden, was immer du willst, und dennoch regelrecht KA erfüllen.

Es ist geradezu ein Kennzeichen des Gelingens von KA, wenn du trotz deines Widerstrebens und deiner Unlust deine Anteilnahme ausdrückst. Du magst in diesem Falle die verbale Kost auf ein rhetorisches Minimum reduzieren oder statt Rosen Nelken versenden und deine geringe emotionale Beteiligung mag der feinsinnige und hellhörige Psychologe aus dem Papierdeutsch und der Blutleere deiner Diktion ablesen, der Pflicht zu KA hast du dennoch Genüge getan.

Welche Instanz vermittelt KA ein solches Gewicht, einen solchen Nachdruck, dass du in Verlegenheit, Unruhe und Missbehagen gerätst, wenn du dem Verunglückten deine Anteilnahme nicht ausdrückst? Welche Form der sekundären Intention hat die Kraft, die primäre Intention, die vielleicht das Gegenteil will, auszutricksen, zu korrigieren und parasitär zu überwachsen? Der Gedanke an die Person ist dir im Moment zuwider, und dennoch nötigt dich KA, dich in positiven Wendungen an sie zu richten.

Wir werden sehen, dass wir bei Gelegenheit dieser unscheinbar anmutenden Handlung, mittels schriftlicher Mitteilung Anteilnahme an einer vom Unglück betroffenen Person zu äußeren, an der Quelle der sozialen Ordnung stehen, aus der sich Kraft und Dauer des menschlichen Zusammenlebens speisen.

Eine Geste oder Handlung zu vollziehen, die du im Augenblick des Vollzugs gern oder ungern tust und die du mit Bestimmtheit und Akkuratesse gerade dann zu tun in der Lage bist, wenn dich Unlust und inneres Widerstreben davon abzuhalten suchen – eine Geste oder Handlung, die im allgemeinsten Sinn das Wohlbefinden des Adressaten zu steigern beabsichtigt, dies ist die formale Struktur und der soziale Inhalt von KA.

Du erblickst, wie eine gebrechliche Greisin unsicher mit ihrem Stock an der Ampel steht und offensichtlich solchermaßen sehbehindert ist, dass sie nicht mehr gewärtigen kann, ob die Fußgängerampel auf Grün umgeschaltet hat. Du bietest ihr selbstverständlich Hilfe an und nimmst sie galant, aber tatkräftig unter den Arm. Du tust dies, obwohl du damit riskierst, die nächste Bahn, die dich zur Arbeit oder ins Seminar bringen soll, zu verpassen, sodass du zu spät kommen und im Büro oder im Universitätsinstitut in eine kleine Verlegenheit geraten wirst. Du wirst auf das „Danke schön“ der alten Dame antworten „Nichts zu danken, gern geschehen!“ und diese Äußerung wird wahr sein, denn du hast die Konvention A gern erfüllt.

Wir sagen, sekundäre Intentionen oder Intentionen zweiten Grades überwachsen oder überwuchern primäre Intentionen oder Intentionen ersten Grades. Primäre Intentionen beziehen Kraft und Gehalt aus dem fischreichen Teich unserer primären biologischen Bedürfnisse und Wünsche. Wenn du durstig bist, entwickelst du spontan den Wunsch, etwas zu trinken. Dieser Wunsch ist der Beweggrund oder die Absicht, eine Handlung auszuführen, deren Zweck darin besteht, deinen Durst zu löschen, indem du etwa zum Kühlschrank gehst und dir ein Wasser holst oder falls der Kühlschrank leer ist in den Supermarkt zu eilen, um dich dort mit dem Nötigen einzudecken.

Die Befriedung des Durstes lässt sich anders als andere Bedürfnisse nicht lange aufschieben, aber immerhin für die Zeitspanne, die nötig ist, die Mittelglieder des gesamten Handlungsbogens vom Durstgefühl über den Gang zum Supermarkt, die Auswahl des Getränks, den Bezahlvorgang mit EC-Karte oder Bargeld, den Heimweg und das Öffnen der Flasche und das erlösende Trinken Schritt für Schritt auszuführen und aneinanderzureihen. Wir nennen die in einer Kette kontinuierlich verschlungenen Einzelhandlungen, die eine auf der anderen sinnvoll aufbauen oder aufsitzen wie die Figuren in den russischen Puppen, Handlungskaskaden. Die zweckvolle Auswahl und Abstimmung der einzelnen Handlungsschritte aber nennen wir Handlungsrationalität oder vernünftiges Handeln. So ist es vernünftig, dich zu versichern, ob du dein Portemonnaie beziehungsweise deine EC-Karte einstecken hast, bevor du das Haus Richtung Supermarkt verlässt. Und es wäre unvernünftig, das Getränk auszuwählen und den Supermarkt zu verlassen, ohne die Ware an der Kasse zu bezahlen.

Darüber hinaus sind wir frei, zu überlegen und vernünftig abzuwägen, ob wir einen Zweck dem anderen vorziehen, ob wir demzufolge eine Handlung einer anderen zeitlich voranstellen. Wenn du ein wichtiges Gespräch mit einer Respektsperson zu absolvieren hast – vielleicht ein Vorstellungsgespräch –, wirst du dich erst waschen und etwas zu dir nehmen, bevor du pünktlich das Haus verlässt, statt ungewaschen und mit knurrendem Magen in das Gespräch zu gehen. Ja, wir sind sogar frei, abzuwägen, ob wir statt eines Zwecks A lieber einen anderen, höherwertigen Zweck B verfolgen, der uns längerfristig mehr Nutzen und Vorteil verschafft als A, wenn dieser auch kurzfristig befriedigender und lustvoller ist. Du verzichtest jetzt auf die angenehme Erfrischung im Schwimmbad, nach der es dich bei dieser Sommerhitze so sehr gelüstet, um dich für das morgige Examen vorzubereiten, dessen erfolgreiche Ablegung dir langfristige berufliche Chancen eröffnet.

Verhält es sich ebenso mit den Wünschen zweiten Grades, den sekundären Intentionen, die wir im Umkreis der Konvention A kennengelernt haben? Auch die zwecks Erfüllung der sekundären Handlungsabsicht oder Konvention A in Gang gesetzten Handlungsschritte sind kontinuierlich verkettet und sinnvoll ineinander verschlungen. Du wartest nicht viele Tage, bevor du deine Anteilnahme bekundende E-Mail verschickst, sondern lässt die angemessene Zeit verstreichen. Du vergegenwärtigst dir den persönlichen Abstand oder die persönliche Nähe, in der du zum Adressaten stehst, dazu können Verwandtschaftsgrad, emotionale Bindung, Titel und Rang, geschäftliche Beziehung oder institutionelle Abhängigkeit gehören. Gemäß diesen Kriterien wählst du aus den bereitstehenden rhetorischen Repertoires und Stilkonventionen die angemessene Ansprache aus. Es ist evident, dass auch Überlegungen und Gedankenschritte dieser Art zu den Handlungsgliedern des gesamten Handlungsbogens zur Erfüllung sekundärer Intentionen gehören.

Wenn du mir versprochen hast, das ausgeliehene Buch heute bei unserem Treffen im Café zurückzugeben, wirst du dies hoffentlich zuerst tun, bevor du mir gegenüber eine weitere Bitte äußerst, vielleicht dir noch ein Buch zu leihen oder dir mit einer Summe Geldes auszuhelfen. Ebenso könntest du einen Wunsch dem anderen, weniger auf den Nägeln brennenden Wunsch hintanstellen. Du brauchst dringend eine Summe Geldes, um mit deiner neuen Freundin ins Kino und anschließend ins Restaurant zu gehen, auch wenn du liebend gerne am kommenden Wochenende das neue Buch von Alice Munro verschlingen würdest, das ich dir natürlich gern ausgeliehen hätte. Doch du bittest mich um das Geld statt um das Buch. Was deine Präferenzen über dich aussagen, gibt Einblick in deine Persönlichkeit oder deinen Charakter.

Wir sahen, was Handlungsrationalität oder vernünftiges Handeln im Kontext der Erfüllung primärer Intentionen bedeutet: die Auswahl der dem Zweck angemessenen und der Zweckerreichung dienlichen Mittel und Methoden. Dies gilt ebenso für sekundäre Intentionen: Natürlich besinnst du dich darauf, welche Mittel angemessen sind, dein Ziel, Anteilnahme mit einem dir nahestehenden Menschen, der Pech hatte, zum Ausdruck zu bringen. Du könntest ihm Blumen oder Pralinen schicken, du könntest ihm eine Konzertkarte zukommen lassen für die Zeit, wenn er aus dem Gröbsten raus ist. Oder du sendest ihm eine E-Mail mit einer gefühlvollen Ansprache. Du wählst die elektronische Post, das verlangt den geringsten Aufwand und erzielt doch den gewünschten Effekt. Blumen oder Pralinen zu schicken wäre nicht nur aufwändiger, sondern suggerierte eine Nähe, die dir in diesem Stadium eurer Bekanntschaft vielleicht nicht erwünscht ist. Die Konzertkarte ist nicht gerade billig, der Preis steht in keinem realen Verhältnis zur Nähe eurer Beziehung. Also hast du mit der E-Mail die richtige, das heißt angemessene Wahl getroffen.

Wer sich als unfähig erweist, der Pflicht zur Konvention nachzukommen, ist kein fröhlicher Anarchist und kein steppenwölfischer Rousseauist, der sich im Alter in den kleinbürgerlichen Nudistenverein flüchtet – er definiert vielmehr einen Grenzbegriff des Humanen, wie er uns in Fällen von Persönlichkeits- und anderen psychiatrischen Störungen, aber auch bei der Demenz begegnet. Diese klinischen Fälle bezeugen den Abbau und die Zerstörung jener höherstufigen mentalen Funktionen, die uns in die Lage versetzen, sekundäre Intentionen und Wünsche zweiten Grades allererst aufzubauen und in kohärente Kontexte untereinander und in kohärente Vernetzungen mit den primären Intentionen und Wünschen ersten Grades einzubetten.

Die Tatsache, dass wir uns nahestehende Menschen auf der Straße grüßen, ist ebenso eine Konvention, wie die Arte und Weise, wie wir es tun. Wobei anzumerken ist, dass praktische oder Verhaltenskonventionen nicht in dem Maße kontingent und willkürlich sind wie sprachliche Konventionen. Dass „Bon soir!“ „Guten Abend!“ bedeutet, hat keine innere Notwendigkeit. Doch alle Formen des Grüßens und Begrüßens haben in der Geste wehrloser Annäherung ein gemeinsames Charakteristikum, das letztlich in der biologischen Natur der Spezies Homo sapiens wurzelt.

Die Grußformen sind offensichtlich kultureller Varianz und geschichtlichem Wandel mehr oder weniger stark ausgesetzt. Die Leute in Paris tauschen gern förmliche Küsse zur Begrüßung aus. Eskimos reiben sich die Nasen aneinander. Und wir sagen „Guten Tag!“, „Guten Morgen!“ und „Guten Abend!“ und geben uns gern die Hand, wenn wir uns treffen. Gestern lüpften die Herren den Hut und die Damen hoben den Schleier.

Es ist evident, dass wir auf der Straße nicht Hinz und Kunz, nicht wildfremden Leuten „Guten Tag!“ sagen, sondern unseren Gruß durch Exklusivität wertvoll machen, dadurch, dass wir die Anzahl seiner Adressaten beschränken. Wir sagen: Wir wenden die Konvention des Grüßens selektiv und exklusiv an. Man kann geradezu definieren: Wen wir grüßen, steht uns irgendwie nahe, und die uns Nahestehenden grüßen wir. Die Gruppe derjenigen Menschen, die wir zu grüßen geruhen und die uns mit ihrem Gruß in den Kreis der Auserwählten einschließen, ist ein exklusiver Club, der Intensität, Dichte und Häufigkeit unserer sozialen Kontakte repräsentiert. Die Kreise derjenigen, die einander grüßen, sind natürlich nicht kongruent und deckungsgleich, sondern überschneiden sich: Nur in den Schnittmengen befinden sich alle diejenigen, die einander und sich gegenseitig grüßen, während dein Freund gewiss Leute grüßt, die du nicht einmal kennst.

Indes, nicht nur die Anwendung der Konvention ist bedeutsam, auch ihre Nichtanwendung und die Beendigung ihrer Anwendung, der Bruch mit der schönen Gewohnheit, sind hochsignifikant: Gestern noch hast du mich auf der Straße gegrüßt, heute schaust du betreten unter dich, wenn du mich auf der anderen Seite erblickt hast. Was ist geschehen? Was habe ich dir getan? Womit habe ich dir vor den Kopf gestoßen, sodass du mich keines Blickes und keines Grußes mehr würdigst, sodass du mich aus dem exklusiven Club deiner Gruß-Freunde und Duz-Freunde hinauskomplimentiert hast?

Hier kann es sich freilich erweisen, dass die Verweigerung des Grußes doppeldeutig ist: Dein ehemaliger Gruß- und Duz-Freund ignoriert dich mit einem Mal auf der Straße, weil er dich nicht mehr für wert und würdig befindet, dem exklusiven Club seiner Auserwählten anzugehören. Gewiss hast du dann etwas sehr Dummes angestellt. Oder jener grüßt dich nicht mehr und schaut betreten unter sich, wenn er deiner auf der anderen Straßenseite ansichtig wird, weil er sich selbst nicht mehr für wert und würdig befindet, dem exklusiven Club deiner Auserwählten anzugehören. Gewiss hat dann er etwas sehr Dummes angestellt.

Auch die Bedingung zur Erfüllung der KA hat ein ausschließendes Kriterium: Der Adressat, dem du deine Anteilnahme im Falle des Unfalls oder eines anderen Unglücks zum Ausdruck bringst, sei ein Mensch, der die nahesteht. Es können ja unmöglich alle Menschen oder anders gesagt: es kann ja unmöglich jeder beliebige Mensch sein, dem du, weil er Pech hatte, deine Anteilnahme zum Ausdruck bringen solltest. Diese absurde oder utopische Bedingung könnte schon aufgrund physischer Grenzen nicht erfüllt werden, denn weder weißt du um jedermanns Schicksal noch könntest du eine unbegrenzte Zahl von Handlungen der Anteilnahme gleichzeitig vollziehen.

Die Anzahl der Adressaten für die von dir zu erfüllende Konvention A ist demgemäß sinnvoll zu begrenzen. Ein eindeutiges Kriterium womöglich quantifizierbaren Grades zur Bestimmung der Anzahl der Mitglieder der Gruppe, die dir nahestehen, gibt es allerdings nicht. Dennoch ist diese Anzahl nicht unbestimmt, denn der Begriff der sozialen Nähe kann den Umständen entsprechend gut mit Inhalt gefüllt werden.

Nahe stehen dir solche Menschen, die kraft Verwandtschaft (genetisch starker Ähnlichkeit) und Freundschaft (Liebe sei hier eingeschlossen) oder kultureller Ähnlichkeit und institutioneller Abhängigkeit die sozialen Räume deiner Kommunikation öffnen und schließen: Die Geburt deines Kindes öffnet den sozialen Raum verwandtschaftlicher Kommunikation hin zu mannigfaltigen Erlebnisweisen und schiebt die zeitliche Achse dieser Kommunikation im besten Falle auf Jahrzehnte aus. Einzig dein Tod oder der frühzeitige Tod des Kindes schließt diesen kommunikativ weitgestaffelten Raum. Liebe scheint, wenn sich die Liebenden in einem informellen Bündnis zusammenschließen, gleichsam eine pseudogenetische Verwandtschaft zu beschwören oder zu suggerieren, die bis in die Gestik und Haltung eindringt, wenn sich die beiden geschwisterlich bei der Hand nehmen und wie ein Fleisch und Blut, „Bein von meinem Bein“, ansehen. Hier eröffnet der Kuss oder der Austausch von Liebensgaben die Liebeskommunikation, die entweder durch das Erkalten und Absterben der Passion, das Eindringen eines Dritten oder den Tod eines Partners geschlossen wird; sie kann auch durch den Übergang in eine formale Institution wie die Ehe transformiert werden, in der andere Regeln und Regelungen der Kommunikation wie die Fürsorge für die Kinder oder die Vorsorge für das Alter vorwalten.

Durch kulturelle Ähnlichkeit fühlst du dich Menschen nahe, die deine Sprache sprechen oder deine Einstellungen und Grundüberzeugungen teilen. Du kannst zwar kein Japanisch, aber etliche Einstellungen, die sich dir aufgrund deines Umgangs mit Japanern oder deiner Beschäftigung mit dem Shinotoismus und dem Zen aufgedrängt haben, führen zu einem gewissen Gefühl der Nähe, wenn es auch stets an den Rändern von Fremdheiten beschattet bleibt. Du kannst zwar Italienisch, aber die Einstellungen und Überzeugungen, die in der Mafia kursieren, teilst du nicht, und ein Gefühl der Nähe will sich zu diesem Menschenkreis partout nicht einschleichen.

Natürlich wächst du von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr in eine gewisse Nähe zu deinen Kollegen oder Kommilitonen im Büro und im Seminar. Man arbeitet, studiert, feiert zusammen. Aber nach Büroschluss heißt es meist: aus den Augen, aus dem Sinn. Dann musst du dich verdientermaßen vom Stress der Arbeit und gerade auch von der allzu dichten menschlichen Nähe mit deinen Kollegen erholen.

Wir beobachten demnach eine absteigende Linie der Dichte und Intensität des Naheseins und des Nahefühlens von der genetischen Verwandtschaft über Liebe und Freundschaft bis zu den rein institutionell geprägten Verhältnissen. Je mehr sich die Relation verdünnt und an moralischer Intensität einbüßt, umso mehr vermischen sich Konventionen und Normen: Dem Chef permanent krumm kommen und ihn respektlos behandeln zeitigt ebenso normativ geregelte Sanktionen wie die verächtliche Behandlung oder die Belästigung der Arbeitskollegen, die mit harschen Abmahnungen oder dem abrupten Ende des Arbeitsverhältnisses sanktioniert werden können.

Die Pflicht zur Konvention A erlischt, wenn jemand, der dir nahezustehen schien, die Gruppe, die wie die Gruß-Gruppe oder die Duz-Gruppe eine solche soziale Nähe definiert, verlässt und in eine andere Gruppe wechselt oder als Mitglied einer solchen Gruppe enttarnt wird, die deiner Gruß- und Duz-Gruppe feindlich gegenübersteht. Sollte sich herausstellen, dass jener nette Bursche, den du vor einiger Zeit im Sprachkurs für Englisch an der Volkshochschule kennengelernt hast, mit dem du schon öfter ausgegangen bist, mit dem du angeregte Gespräche hattest und dem du auf seine freundlichen Bitten sogar Geld geliehen hast, damit er, wie er vorgab, seiner kleinen Schwester rechtzeitig ein schönes Geschenk zum Geburtstag kaufen könne – sollte sich also herausstellen, dass dieser nette Bursche einer verschworenen Gruppe angehört, die sich zum erklärten Ziel gesetzt hat, dich und deine Familie des Eigentums zu berauben oder deine Ethnie und Kultur, deine Lebensform, auszulöschen, bist du ohne weiteres von der Pflicht zur Erfüllung von Konvention A diesem Schurken und Feind gegenüber dispensiert. Solltet ihr ein Treffen in einem Café vereinbart haben, bei dem der Halunke dir das ausgeliehene Geld zurückerstatten soll, wirst du dort in Begleitung der Polizei erscheinen.

Kehren wir zur Eingangsfrage nach der Herkunft der institutionellen Binde- und Ordnungskraft zurück, die sekundäre Intentionen und Wünsche zweiten Grades mit einem Gewicht begabt, das dem von Wünschen ersten Grades nicht nur gleichkommt, indem sekundäre Intentionen auf primäre Intentionen aufsitzen und sie übermächtigen. Ja, die sozialen Bindungskräfte vermögen sogar den biologischen Grund aller Wünsche und Wünschbarkeiten, die nackte Existenz des Wünschenden, aufs Spiel zu setzen und in die Waagschale zu werfen. Dies geschieht in der Tat in den seltenen Fällen, wenn einer sich für den anderen, dem er nahesteht und dem er sich aufs Innigste verbunden und verpflichtet weiß, opfert und sein Leben für ihn hingibt.

Man könnte meinen, sozialer Druck sei das eigentliche soziale Bindungsmittel und der feste Leim, mit dem dich sekundäre Intentionen zu Handlungen verpflichten, die nicht zuvörderst deinen primären Bedürfnissen zugutekommen. Aber du kannst an der gebrechlichen Greisin, die hilflos an der Ampel steht, achtlos vorübergehen und in der Menge untertauchen: Keiner hat dein moralisches Versagen beobachtet, keiner straft dich deswegen mit verachtungsvollen Blicken. Und dennoch verspürst du Scham, wenn du dich feige davongeschlichen und die Hilfsbedürftige im Stich gelassen hast.

Du hast mir das Buch trotz klarer Absprachen zum ausbedungenen Zeitpunkt und am verabredeten Ort nicht wiedergebracht. Du bist einfach nicht erschienen. Vielleicht gab ich dir in der Zwischenzeit Gelegenheit, dich innerlich und äußerlich von mir abzuwenden. So hast du mit deinem Nichterscheinen und dem Bruch des Versprechens einen scharfen Schnitt gemacht und klare Kante gezeigt. Dennoch wirst du in Zukunft das Buch, das ich dir einst ausgeliehen hatte und das du trotz deines Versprechens mir nicht wieder ausgehändigt hast, nicht anders als mit Unbehagen zur Hand nehmen. In diesem Unbehagen aber verbirgt sich die institutionelle Kraft, die in der Erfüllung der Bedingung von KA positiv zu Tage tritt.

Hier stoßen wir auf einen wichtigen Unterschied in der sozialen Welt, die eine Welt institutioneller Ordnung ist: den Unterschied von Normen und Konventionen. Normen wie Konventionen sind soziale Einrichtungen; Normen sind allerdings formal ausgeführt, zum Beispiel in der Form von Gesetzen, Geboten und Verboten, Vorschriften und Verordnungen (denke an die Straßenverkehrsordnung), und die Normverletzung wird durch ebenfalls formal geregelte Sanktionen geahndet. Wer volltrunken am Steuer erwischt wird, bekommt den Führerschein auf längere Frist entzogen.

Anders bei Konventionen: Sie sind formal nicht ausdrücklich formuliert. Die gegebene Definition zu KA könnte auch anders formuliert werden. Wir wissen zwar, wie viele Paragraphen die Straßenverkehrsordnung hat. Aber die genaue Anzahl an Konventionen, die unser soziales Leben mit Gehalt, Tiefgang und Esprit erfüllen, wüssten wir nicht anzugeben, weil ihre Anzahl beständig schwankt und sie den Wellen und dem historisch mehr oder weniger schweren Seegang des sozialen Wandels und des Absterbens und neuen Wachstums sozialer Gepflogenheiten ausgesetzt sind.

Konventionen nennen wir deshalb informelle Institutionen der sozialen Ordnung. Wer die hilflose Oma nicht über die Straße geleitet oder dem Schwerbehinderten in der U-Bahn nicht seinen Platz anbietet, dem geschieht nichts, der bleibt straffrei. Und dennoch bleiben Konventionen dieser Art in Geltung und setzen sich in vielfacher Gestalt durch, ohne dass ihre Nichtbeachtung unter Kuratel gestellt wäre.

Die verpflichtende Macht der Konvention rührt nicht von äußerem sozialem Druck her, sondern von der inneren Instanz des sozialen Ich. Wenn du in deinem Leben dich einigermaßen anständig verhalten und deine Vergehen und groben Versäumnisse wiedergutzumachen versucht hast, kannst du wie man sagt dir im Spiegel unbefangen in die Augen schauen. Wer sich dort anschaut, ist nicht das biologische Ich erster Stufe, das die animalische Vernunft der körperlichen Triebe und Bedürfnisse repräsentiert, sondern das soziale Ich zweiter Stufe, das die soziale Vernunft der sekundären Intentionen und Konvention verkörpert. Das soziale Ich ist anders als das animalische Augenblicks-Ich ein in der biographischen Zeit ausgedehntes mentales Gefüge, das sich seiner Lebensgeschichte für und für ansichtig bleibt, sie sich bis in Phantasien und Träume hinein vergegenwärtigt und wieder und wieder in vielfältigen Abwandlungen und Umdeutungen sich selbst und natürlich in Form von Anekdoten, kleinen Novellen, Märchen oder Legenden den Um- und Nahestehenden erzählt. Knotenpunkte solcher Erzählungen sind natürlich die Gelegenheiten, bei denen der Erzähler in der Erfüllung von KA und aller anderen Konventionen sich bewährt oder versagt hat.

Die Erfüllung der Bedingung für KA stabilisiert das soziale Ich und erhöht seine Zufriedenheit. Denn die Pflicht zur Konvention zu erfüllen wird dem sozialen Ich Quelle einer höherstufigen Form der Befriedigung und kann die primäre Form der animalischen Befriedigung teilweise und zeitweise ersetzen. Man darf gewiss diese kulturelle Leistung nicht idealisieren: Werden die biologischen Grundlagen erschüttert, wie in Unglücks- und Notfällen oder im Krieg, bei Hungersnöten und Katastrophen, kann auch das Fundament zur Erfüllung von KA Risse bekommen: Wenn du oder deine Familie nichts mehr zu beißen haben, kann niemand von dir verlangen, dir in erster Linie mein leibliches Wohl angelegen sein zu lassen.

Und dennoch sind die fesselndsten Erzählungen die von heroischen Taten und außerordentlichen Leistungen, gerade in Zeiten äußerer Bedrückung und Not, wenn sich die Mutter in Kriegszeiten das Letzte vom Munde für den Erwerb von Wolle, Seide und Pappe abspart, um ihrem kleinen Mädchen eine schöne Puppe zum Geburtstag basteln zu können, oder wenn der Vater in das von Brandbomben getroffene Haus zurückeilt, um den hilflos schreienden Buben aus dem obersten Stock unter Einsatz des eigenen Lebens zu retten. Auch das, was die alten Völker dem Ruhm an motivierender Kraft zusprachen, hat bei der Erfüllung der Konvention seinen Anteil: Die Mutter hofft, der Vater hofft, dass sie einmal den Enkeln davon erzählen werden können, und das erfüllt sie mit innerer Genugtuung.

Deine Fähnchen flattern noch

Dem ungebetnen Gaste putzt du hinterher –
auf seine Tritte zwischen frischen Beeten
streust du Salz und Kreide,
wie auf die frische Wunde Jod-Tinktur.

Nur der Fremde im Gespräch der Erde,
der zuerst die Pfade ebnet
durch den Dunst verbrannten Krauts
und zuerst in Zauberknochen
einen hohen Namen ritzt,
heißt du dir willkommen.

Die widerwärtigen Bilder
Unschön-Erlebten
tilgst du nicht mit Lethes Saft –
Bilder heitern Lebens,
Luftspiegelungen kindlichen Spiels am Meeresstrand,
verschlieren sie wie rosiger Nebel,
überblenden sie wie ausgeschüttete Milch.
Die schwarze Wetterwolke
steigt erneut vom Grund.

Was dir an Gutem mag begegnen,
umfingert und umflattert
dein Empfinden leicht –
gleich jenen bunten Fähnchen,
Seidenschlangen frommen Sinns,
die heitre Pilger Tibets
in Buddhas Bäume wickeln.

So flattern sie,
so knattern sie –
Weltenatems heißer Pfiff
reißt sie ab, wirft sie hin,
entfernt sie ganz.

Die Wärme lieber Hand,
die deine kalten Füße rubbelt,
kriecht wohlig unter deine Haut –
die ihres Spenders fernes Angesicht
nicht kennt.

Du gehst auf kiesbestreuten Wegen
deiner alten Aussicht nach,
dort ist die Bank, da ist die alte Eiche –
doch der Strom da drunten glänzt
an deiner Erinnerung gedankenlos vorbei.

Der Schuss in der Neujahrsnacht

Von wannen ging der Schuss denn los,
dein Entree-Billet ins neue Jahr?

Grad in jenem dummen Augenblick,
als die lieben Nachbarn auf Teufel komm raus
die Raketen steigen und die Böller platzen ließen –
oder vor Zeiten, als es noch gar keine Böller gab –
vor Äonen, als es noch keine feuerwütigen Menschen gab?

Ist in jenem jenseits der Zeit versiegelten Buch,
in dem auf dem einen Blatt der Heils-,
auf dem anderen Blatt der Unheilsplan verzeichnet sind,
ist in jenem Ewigkeitsbuch,
in dem gähnend ein Engel blättert,
der Schuss in der Neujahrsnacht
als unabwendbar abgehakt?

Mensch, es war nur ein heißer Böller,
der querschlug – und wo er hätte weiterböllern können,
schob deine Visage sich in die Bahn.

Das bisschen Wehweh wischst du dir ab
wie ein unschönes Staubfädchen vom Kragen –
was dir von dem Einschlag eigentlich bleibt,
die unsichtbare Narbe hinter der sichtbaren,
wiegt wohl nicht fädchenleicht …

… das legt dir ein Kilo Misstrauen auf die Waagschale
linker Hand, beschriftet mit „Argwohn“, „Furcht“ und „Sorge“,
sodass die Schale rechter Hand, beschriftet mit
„Glaube“, „Hoffnung“ und „Liebe“
wiederum beklemmend in die Höhe schnellt!

Du schaust anders in die Welt,
aus der es höhnisch Schläge hagelt,
von Händen, die im Freien flattern
und im Leeren watschen, unzurechnungsfähig –
anders schaust du in die Welt,
in der ein samtenes Liebe-Leuchten zweier Augen
dich ins neue Jahr geleitet.

Hoppla, was raunst du da,
poeta lactucate neque laureate!

Ist es doch dieselbe Welt, die eine in der andern,
wo unversehens Schüsse fallen
und Liebe über Grenzen geht.

Was du nicht alles mit mir anstellst

Nachts hast du dich heimlich bei mir eingeloggt
und meine Sprach-Einstellungen geändert –
jetzt fall ich von den Stelzen steiler Metaphorik
und schneide mir die Haut an wortwörtlichen Halmen.

Du hast mir das Programm „Into the Dawn“ downgeloaded,
mit dem ich quer durch alle Zeitzonen,
von Hammerfest bis zum Kap,
in das Morgenrot fliegen kann.

Du fasst mich stracks am Mantelkragen
und biegst mich ums Eck –
dort plaudere ich an der Imbissbude mit Osterinsulanern,
die sind über Glatze und Gesicht bunt gescheckt,
in einem Gaunerdialekt,
den ich noch nie gehört habe, ganz köstlich,
bis einer der schweren Jungs ein Foto von dir
aus dem Ärmel zieht: Da schwebst du
überm Eisernen Steg im wehenden Nachthemd
und spielst Blockflöte.

Mir schwant, du hast dich die letzte Nacht
wieder mal in meine Wohnung eingeschlichen
und alle Schubladen durchwühlt.
Ich weiß ja, wie duʼs anstellst:
Du verflüssigst deine Aura und schwappst
flutsch! ein fluider Schatten, unter der Türschwelle durch!

Doch glaub mir, Herzchen, das Ställchen
in meinem Gärtchen, woʼs Hundilein im Schlafe fiept,
und wo ich die holde Kükenschar meiner Chen und Lein und Li
ausbrüte und beglucke,
das bleibt mir wohlverschlossen!

O ja, ich habʼs gesehn, dein Fuchsgesicht!
Doch die gluckende Meute meiner Diminutive,
meiner Flauschlinge, meiner Mariechen und Finchen,
dürfen unbekümmert dort sich bauschen und flauschen,
sich kräuseln und säuseln!

Verdammt! – reißt mich der Schreck vom Bett,
da hör ich mitten in der Nacht ein panisches Gackern,
und pardauz scheppert der blecherne Napf zu Boden –
o weh, was für ein wildes Geflatter!

Die Leute von Äternien

Eine Allegorie

Ein Expeditionskorps aus Geologen, Paläontologen und Anthropologen machte in einem bisher unerforschten Seitental des Himalaya seltsame Funde an Sedimenten: In den Versteinerungen erblickten sie verwitterte Spuren organischen Lebens, das vor etwa 0,6 Mio. Jahren infolge großer Erderschütterungen und Überschwemmungen untergegangen war, dessen genaue Klassifikation den Kennern vor Ort nicht gelingen mochte.

Zurück an den heimischen Lehr- und Forschungsstätten und Labors des Max-Planck-Instituts in Deutschland sowie der Smithonian Institution in Washington D. C. begann eine konzentrierte Suche nach der Herkunft, Abstammung und Lebensweise der versteinerten Wesen, die die maximale Größe einer Elle nicht zu überschreiten schienen. Die meisten Funde zeigten nur zersplitterte und zerfressene Bruchstücke, doch einzelne wiesen ganze oder halbe Organe und Körperteile auf, sodass man mit guter Hoffnung daranging, die unbekannten Organismen zu rekonstruieren. Mittels der 3D-Software wurde man bald einer einzigartigen organischen Struktur auf den Bildschirmen ansichtig, die die Forscher und bald darauf die weltweite mediale Öffentlichkeit in ungläubiges Staunen, ernste Verwunderung und große Beunruhigung versetzte.

Zunächst glaubt man ein von üppigen Laubblättern umschlossenes weißliches Wurzelknöllchen hervorschimmern zu sehen, in dem man ein vages Kindchenschema erahnt – bei näherer Betrachtung unter dem Mikroskop erwiesen sich die Blätter als echte zur Photosynthese geeignete Pflanzenteile, während der umhüllte milchig-blasse Organismus von den Anthropologen und Biologen als extreme Rückbildungsstufe eines Homo Sapiens identifiziert werden konnte. Die äußeren Extremitäten waren fast ganz verschwunden und in den Leib gleichsam zurückgeschmolzen, Sexualorgane und jedwede Anzeichen für einen geschlechtlichen Dimorphismus der Individualgenese fehlten, offensichtlich waren diese Wesen zur primitivsten Form der Vermehrung, der Klonierung, zurückgekehrt. Statt der Füße hatten sie insektenartige Greif- und Saugnäpfe ausgebildet, mit denen sie sich an den Stängeln ihrer Wirtspflanzen festklammerten, mit denen sie in Symbiose lebten. Und zwar dergestalt, dass die Pflanze die Hominiden mittels der Photosynthese mit Sauerstoff und Stärke versorgten, für die sich die Parasiten durch Abgabe von Kohlendioxid und Stickstoff dankbar erwiesen. Denn wirklich atmeten die seltsamen Wesen mit der ganzen Hautoberfläche, und ein wohl ziemlich ruhig gehendes Herz sowie ein Adern- und Venennetz zur Blutversorgung verteilten die über die Haut aufgenommenen Nährstoffe, deren unverwertbare Ausscheidungsprodukte ebenfalls über die Haut abgegeben wurden. Indes waren die gewöhnlichen Verdauungs- und Ausscheidungsorgane infolge der permanenten Funktionslosigkeit dank der Symbiose mit den Pflanzen fast gänzlich zurückgebildet.

Die physiologische Analyse ergab, dass der mund-, augen- und ohrenlose Schrumpfkopf ein Nervengeflecht enthielt, das in erster Linie die Haut der Tiere repräsentierte. Eine wissenschaftliche Sensation war zudem die Identifikation von Elektroplaxen in der Bauchhöhle, die wohl ebenso wie die elektrische Ströme von bis zu 1.000 Volt erzeugenden Organe von Zitterrochen und Zitterwels die Funktion einer energischen Feindabwehr hatten, die in vielen Fällen nicht nur zur Lähmung des Angreifers, sondern sogar zu seinem Tode führen konnte. Bei einer jedweden noch so sanften Berührung, bei jeder noch so zartsinnigen Annäherung eines fremden Wesens, ja auch wenn nur ein gewichtsloser Schatten über die hochempfindliche und gleichsam niemals schlafende, überwache Haut lief, krampften sich abertausende Kaskaden von bioelektrischen Zellen in der Bauchhöhle im Bruchteil einer Sekunde zusammen und entluden sich in einem bösartigen Stromstoß. Solcherart vergilt Natur: Sie hatte den unvernünftigen Willen nach möglichst bedingungsloser Sekurität und monadenhafter Abgeschlossenheit des Daseins mit dem schweren Tribut quittiert, den die Homunculi in Form unentrinnbarer Vereinsamung zu entrichten hatten.

Die DNA-Analyse bestätigte die Annahme, dass es sich bei den Tieren um degenerative Abzweigungen im Evolutionsstrang des Homo Sapiens handele, voll und ganz. Entsprechend der physiologischen Transformation waren die wichtigsten für die Humanentwicklung entscheidenden Genabschnitte wie das Fox-Gen, das das Sprachvermögen steuert, abgeschaltet und nicht mehr in der Lage, die zellbildenden Proteine codierenden Ribonukleinsäuren zu erzeugen.

Das offenbare Geheimnis der Lebensform dieser Wesen motivierte die Forscher, sie Äternier und ihre Gattung Homunculus aeternus zu nennen; offensichtlich hatten diese Lebewesen das Ziel einer dauerhaften stabilitas loci und einer scheinhaften Unsterblichkeit mittels steriler Klonbildung in wahrhaft pflanzlich stiller und gesicherter Ruhe und Unbeweglichkeit erlangt.

Die bedeutsamste wissenschaftliche Entdeckung auf Grundlage der DNA-Analyse des Homunculus aeternus betraf den Kern der Hypothesen der darwinschen Evolutionstheorie, wonach die Abwandlung und Neuentstehung der Organismen auf der Auslese solcher Mutanten beruhe, die am besten die zur Verfügung stehenden ökologischen Nischen füllen. Der Homunculus aeternus hingegen erwies das Gegenteil dieser unerschütterlich anmutenden Annahmen des darwinistischen Dogmas: Die menschenähnlichen Vorfahren dieser seltsamen Lebewesen wollten die große Utopie des friedlichen Daseins ohne tragischen Kommunikationsfehler, ohne Konflikte und ohne gewalttätige und kriegerische Auseinandersetzungen in die Tat umsetzen. Ja, ihr grotesker Eigensinn und ihr heroisch-komischer Wille legten die Schneise zu einer unerhörten biologischen Daseinsform, denn sie boten dem Schicksal des natürlichen Kreislaufs von Zeugung und Geburt, Kampf und Arbeit, Zerfall und Tod, den Pessimisten schon seit jeher als Fluch beschworen hatten, die Stirn. Freilich, um diese urmenschheitliche Utopie mit Leben zu füllen, bogen sie in eine Sackgasse der Evolution ein, deren steriles Ende sie nicht voraussehen konnten: Um tragischer und fataler Kommunikationsfehler zu entgehen, mussten sie auf echte Kommunikation ganz verzichten – statt zu riskieren, etwas Falsches, Ärgerliches oder Närrisches zu sagen oder anhören zu müssen, sagten sie gleich gar nichts mehr und verschlossen sich Mund und Ohren. Um sich der pflanzenhaften Stille des lichtlosen Innern ganz und gar hingeben zu können, verschlossen sie die Augen vor dem grellen Tumult und den erregenden Dramen der äußeren Natur. Und um Zerfall, Unfall und Tod zu vermeiden, gaben sie jede evolutionär werthaltige Fruchtbarkeit und jede produktive Auseinandersetzung mit dem Risiko des Irrtums und der Verletzung auf. Sie vegetierten hinfort in ewiger Stille.

Freilich entfiel nunmehr – außer in den seltenen Fällen einer Feindabwehr durch die probate Technik der Elektroplaxen – die große Last der Daseinsfristung und sie erfreuten sich der erwünschten Ruhe, einer an Stumpfsinn gemahnenden Gesundheit und einer ununterbrochenen Fortsetzung der öden Dauerserie ihrer Existenz. Die mühsame und riskante Lebensweise der Nomaden und Wanderer in unwirtlichen Steppen und unheimlichen Wäldern hatten sie zugunsten einer starren Einhausung in ihrer vegetabilischen Lebensnische aufgegeben. Sie begnügten sich mit einem immobilen Fortexistieren ohne alle Aufwallungen von Energie zu Absichten und Taten, ohne jedwede kulturstiftenden Ambitionen. Weder hatten sie die Kraft noch den Willen und die vorausschauende Intelligenz, eine kühne Tat, ein neues Unternehmen, die Eroberung einer neuen Welt ins Werk zu setzen.

Eintönigkeit, Langeweile und Stupidität waren demnach der Preis für die Erlangung der größten Utopie der Vorfahren. Unsterblich, aber blöde, ewig jung und gesund, aber ohne Anmut und Wagemut, gleichmütig und unerschütterlich, doch dafür dumpfsinnig und ohne Haltung, so hatten sie in einem verschlossenen Seitental des unzugänglichen Himalaya dahingelebt und dahingedämmert.

Welch seltsame Regung, wenn der Homunculus sein winziges zitterndes Köpfchen zwischen die Blätter wie in eine Schatulle einzog, da eine pralle Sonne ihn belästigte oder neckende Tropfen sein allzu müßiges Dasein bekrittelten.

Das bist ja du! Das bin ja ich!

Wenn die haarigen Bäuche kugeln
von Honig und Chitin, von süßen Beeren
und bunten Früchten, knacken hoch in den Wipfeln
die Äste – die Waldmenschen bauen ihre Plattform
für die Nacht in schwindelnder Höhe.
Sie ducken ihr weises Haupt
unter einen perfekt verfugten Regenschirm
aus Zweigen und Blattwerk.

Die Frühlingswinde schenken uns
mit wilden Aromen zartes Erinnern –
wie sind die Lüfte voll Leben und Geist!

Halt einmal das Richtmikrophon an die schorfige Rinde der Eiche –
was da knistert und knackt, scharrt und schnarrt,
was da rasselt und prasselt unter Moosen und Harz –
das bist ja du, das bin ja ich, in einer fernen Fuge
der Moleküle unsrer natürlichen Seelen.

Der Waldmensch in seinem Nest lauscht,
wie es tröpfelt auf sein Blätterdach,
er zittert in den Tumulten des Himmels
und klammert sich ins Fell seines Geschwisters.
Er weiß sich im Kosmos des Regenwalds
im Innern der dickbäuchigen Wolke,
des Blätterrauschens und des Vogelgeschreis.

Zum Zeichen, dass die Seele lebt

Und hatʼs noch Augen in dem all –
für dich, für mich, die wir wie Kinder
uns mit Puppen gaukeln
und mit Federchen erschrecken.

Und schlägt ein Herz in dieser Nacht –
für dich, für mich, die wir so bang
und fieberblind uns Stirn an Stirne drücken,
unserm Atem wie Sibyllen lauschen.

Und weht ein Flügel sanft hernieder –
dir und mir, und fächelt Kühlung
den Verirrten, streut süßer Träume
Schnee uns auf den dunklen Weg.

Und brennt ein Licht noch in dem Dunkel –
für dich, für mich, wie zu Häupten
einem Toten hält die Kerze Wacht,
zum Zeichen, dass die Seele lebt.

Das Stelldichein

Willst du denn nichts mehr wagen,
in die Welt reinrufen –
willst dich härmend ihr entsagen,
hocken auf den Stufen?

Willst du dir harsch verschnüren
pochendes Gefühl –
soll es dich nicht mehr rühren,
da ihr Name fiel?

Lass dich doch reizend stupsen
von dem Hundelein,
magʼs auch mal unzart pupsen –
es will gekraulet sein.

Erheb dich hurtig von den Stufen,
mein Knäbelein,
als hätt die Mutter dich gerufen,
husch ins Tor hinein!

Im Pfirsichblütenschein
Mücklein schweben.
Ich spute mich zum Stelldichein
mit dem süßen Leben.

Fehl am Platz

Auf dem Leinpfad mit dem gleißenden Sand
lässt es sich gehen – aus dem schwarzen Busch
hörst du Ebbe und Flut eines Seufzens –
ein Tier, das in die Falle der Morgensonne geriet.

Es lässt sich gut wandern und schauen,
wie der afrikanische Fluss Orchideennester,
Grasnarben oder die langen ohnmächtigen Arme
der Weidenbäume mit sich führt, mit sich reißt.

Und der Pfad wird steiniger, enger und enger –
und bricht jäh ab. Du rutschst nach unten, klammerst dich
mit knöchernen Fingern und gesplitterten Nägeln,
die bald bluten, am Sandstein des schroffen Hangs.

Und der schäumende Strom leckt unter dir
immer wieder an deinen nackten Füßen,
und es ist wie eines Tieres fleischig-warme Zunge.
Der Strom, du siehst es bei der plötzlichen Biegung,

schwillt an, und auf den gurgelnden Wellen fluten
abgehackte Hände der schwarzen Diener dahin,
schlieren die blonden Mähnen skalpierter Matronen.
Dort strudeln Bücher, hunderte, tausende,

zerrissen, zerstochen, verkotet, es sind deine Bücher,
wie kommen die denn auf den Fluss in Afrika,
fragst du dich noch, da siehst du im kreiselnden Tanz
der Bücher den abgeschnittenen Kopf eines Gorillas.

Und du hörst es hohl singen aus seinem klaffenden Maul:
„Ugara oka nammdi, Afrikas Kinder tanzen und singen
unter den blitzenden Sternen, Schlangen verschlingen
die Sterne, die Sonne zerschlitzt die Schlangen.“

Du ziehst dich voll Abscheu über den Rand des Hanges
und gelangst in den weißen Park der Begierden,
wo die nackten Schönen im rosigen Lichte
die Haut ihres perfekt gerundeten Daseins baden.

Hier beherrscht den Geist die Drangsal der Düfte
von Ingwer und Myrrhe und der Rose des Kaps,
und die wie Dornen die Träume ritzen,
die blauen Wimpern seufzender Frauen.

Du duckst dich beschämt ins hohe Steppengras,
dich vor den Blicken der Hochmütigen zu bergen.
Du wühlst nach den dunklen Sagen der Erde
und kriechst über der Echsen giftigen Schleim.

Da ist das offene Tor, wie kannst du entkommen,
im hohen Bogen schwebt die Gestalt einer alten Frau.
Du zwängst dich durch Stacheldraht, der dich beißt.
Hinter dir hörst du niederrieseln des Gelächters Fontäne.

Du bist fehl am Platz, zumal in Afrika, mein Lieber.

Das Kajal

Fern hörst du das Rauschen des Meers in deinem Ohr.
Komm, es ist alles gesagt.

… besser, es schneite, und wie Kinder tun,
schnappst du mit dem Mund
nach den Flocken – oder es regnete
Eiskristalle, und der zarte Schmerz,
wenn sie wie winzige Dolche
deine Augenlider, deine Wangen ritzen
wird dir zur Freude, zum Jubel …

… besser, du sähest im Spiegel,
es ist Liebe in deinem Blick,
und dein Mund ist weich
von mitgemurmelten Versen,
von mitgesungenem Lied –
und du rahmst dein Gefühl
mit goldenem Schmerz,
wenn du dir Ohrringe ansteckst …

… besser, dich erblickte im Spiegel
ein Kind mit von Liebe behauchten Lidern,
und du dunkelst deine Wimpern ab
mit dem Kajalstift, der sich versteckt hatte,
lange Zeit, in der Schublade –
doch in Wahrheit sind dir die Wimpern
von Sehnsucht gedunkelt.

Fern hörst du das Rauschen des Meers in deinem Ohr.
Komm, es ist alles gesagt.

Die bezauberte Raupe

Eine Bürstenspinner-Raupe ziehharmonisierte ihre Segmentwülstchen mit den Krabbelfüßen gar behend über das Blatt eines Maulbeerbaumes. Goldenes Licht überglomm und überschäumte die üppigen Büschel weißer Haare, die aus den leuchtend roten Punktwärzchen hervorstrahlten. Die Rasierpinsel der buttergelben Haarsträucher auf dem Rücken tunkte sie hin und wieder in den Schaum des Abendlichts. Die Sonne ihres kleinen Lebenstages leckte sie schmeichelnd vom Kopf bis zu den Stummelbeinchen mit ihren platten Polstern und zierlichen Häkchen.

Was ist denn dies für ein neckischer Tanz, welch ein Fädchen fließt aus dem sich windenden Kopf der kleinen Raupe auf dem Nachbarblatt? Will sich das Tier mit dem Faden einhüllen und einspinnen, um in aller Ruhe und Weltabgeschiedenheit ein Nickerchen zu machen? Es ist eine kleine Seidenraupe, die begonnen hat, sich mit einem Kokon aus Seidenfäden zu umhüllen.

Das primadonnenhafte Spiel des sich einspinnenden Tieres bezauberte die Raupe, sie war ganz verzückt und dem Anblick so hingegeben, dass sie augenblicks sogar der eingefleischten Manie des schabend-nagenden Fressens entsagte. Als sie aber sah, wie die Seidenraupe sich geradezu kokett in der Luft zu drehen und dabei den Faden wie einen schicken Schal um sich zu legen schien, war es um das Tier geschehen. Fingen nicht seine Härchen und Pinselchen mit einem Male blau und grün und golden zu schillern an? Vor lauter Begeisterung stand die Raupe Kopf und klammerte sich mit einem winzigen Häkchen im Fleisch des fetten Blattes fest – da ließ sich die Raupe lustig von den spielenden Winden tupfen und lupfen.

Wie ein Windspiel trudelnd und um sich selbst kreiselnd vergaß die Raupe, dass sie die fressende Übergangsphase in der Metamorphose des Schmetterlings war – und ließ los. Und es fiel das arme Tier aus heiterem Himmel in einen mit Regenwasser bis zum Rande gefüllten Blecheimer, den die Bäuerin unter dem Maulbeerbaum hatte stehen lassen. Das war ein kühles und recht feuchtes Erwachen! Die Raupe zuckte und krümmte sich bänglich – wie wünschte sie, aus vollem Halse schreien zu können, wie Kinder es tun, wenn sie vom Fahrrad oder der Schaukel fallen. Doch sie war verdammt, stumm zu leiden.

Da war es das bedrückte Tier leid und gab es auf, wider das Unabwendbare weiterhin zu rucken und zu mucken. Und als die Raupe schon todesstarr in ihrem nassen Verlies lag – da kitzelte sie plötzlich an ihrer Nase ein Seidenfädchen, das fröhlich hin- und hertorkelte. Das Fädchen wehte gar anmutig von der Krone des Baumes herab. Da wurde die Raupe schnell wieder ins Leben gekitzelt und sie hielt sich zappelnd und ruckend an dem Faden fest und zog sich heldenhaft in die Höhe. Und mit jedem tapferen Rucke-die-Zuck kam das Tierchen der großen Erfüllung seines kleinen Lebens näher.

Verlöschende Sternschnuppe

Ein Stern tät wunders sich verglimmen
in der tiefen Nacht.
Was künden jene holden Stimmen,
Heil sei uns gebracht?

Wir hörenʼs nicht, wir blickenʼs nimmer.
Es blitzt und braust die Nacht.
Das taube Herz hat keinen Schimmer.
Lose Zunge lügt und lacht.

Ein Flat-Screen tät noch leise flimmern
in der tiefen Nacht.
Man hört von Ferne leises Wimmern –
Kindlein ist erwacht.

Weihnacht bei den Kirchenmäusen

Ein Weihnachtsmärchen

Der Waldmaus schlug das Herz hoch. Jetzt hatte sie sich doch verlaufen. In ihrem Wald! Doch war er wohl größer und tiefer, als sie geahnt. Und ihr Herz schlug hoch, und ganz im Takt des Ding-dong, Ding-dong, das sie von einem dunklen Glockengeläute in der Ferne vernahm. Auch wenn es schon dämmerte und ihr Trippelschritt immer öfter im hohen Schnee versank – der Klang der Glocken hatte es ihr angetan, dahin zog es sie, dahin musste sie fliehen!

Mit einem Mal gelangte die Waldmaus auf ein weites, offenes Feld, nur Streu und Halme und Steine bedeckten den kargen Grund. Wie war es plötzlich mäuschenstill! Das ferne Läuten war verstummt. Und das kleine Mäuseherz pochte und klopfte wild. Wo war sie bloß, fragte sich die Maus, wo sollte sie hin? Auch eine Maus befällt manchmal Ratlosigkeit.

Das Mäuschen aber fühlte sich nicht nur ratlos, sondern auch recht trostlos – war es doch mäuseseelenallein, seitdem ihm kürzlich die böse Katz Vater, Mutter und Geschwister gestohlen hatte. Ganz verwüstet und verschandelt fand es das heimische Nest, als es von einem ihrer kleinen abenteuerlichen Ausflüge in den Wald zurückgekehrt war. O, wie streng hatte der gute Vater ihr diese heiklen Exkursionen verboten! Alles sah aus wie Kraut und Rüben, die Regale, auf denen die Mutter die Tässchen und Kännchen reihte, heruntergerissen, Stroh und Moos aus den Bettchen zerpflückt, und ihre lieben Kiesel- und Glitzersteinchen, ihre Haselnüsschen, Zäpfchen und Obstkerne, die sie eifrig gesammelt hatte, alles war zerstreut in die Kreuz und Quere. Und kein Piepsen, kein einziger Mäuselaut, kein mäuseseliger Hauch!

Plötzlich erspähte die Waldmaus in einiger Entfernung fröhlich flackernde Lichter und sie tippelte neugierig näher. Es war eine kleine Schar von Jungen und Mädchen, kleinen und größeren Kindern, alle fein herausgeputzt, gekämmt und gestriegelt – roch es nicht nach Lavendel, nach Rosenöl? Das Mäusenäschen kringelte sich schnuppernd in die Luft. Ja, die Kleinen hielten brennende Kerzen in Händen. Da gab der große Bub an der Spitze des Zuges den Ton an und alles stimmte ein:

Wir Kinder kommen zu dir, mein Christ,
durch tiefe Nacht und Dunkelheit.
Weil du das Licht der Welt uns bist,
jetzt und in alle Ewigkeit.

Die Waldmaus dachte: „Wo gute Kinder Kerzen tragen und liebe Lieder singen, da darf ich Mäuschen spielen!“ Und sie tippelte den Kindern emsig hinterdrein. Wo mag die Kinderschar sie wohl hinführen?

Die Kirchentür stand weit offen. Die Kinder hielten mit ihren Kerzen feierlich schreitend Einzug in das hohe Kirchenschiff, wo neben dem Altar die Krippe stand und eine fein geschmückte, hohe Tanne erstrahlte. Die Stimmen der Kleinen vermischten sich alsbald mit dem großen Chor der versammelten Gemeinde:

Die Menschen sehnen sich nach dir, mein Christ,
durch tiefe Nacht und Dunkelheit.
Weil du ihr Tröster und Heiland bist,
jetzt und in alle Ewigkeit.

Die Waldmaus hüpfte freudig über die Schwelle und schlängelte sich behutsam in dem leeren Seitenschiff die Wand entlang. Da verstummte der Gesang – doch ins Ohr der Waldmaus flüsterte und lispelte es süß: „Schön, dass du zu uns kommst, liebe Waldmaus. Komm nur mit und folge mir zu deinen Verwandten, den Kirchenmäusen.“ Und ein putziges Mäuslein trippelte freundlich vor ihm her, das hatte ein helleres Fell als die Waldmaus, dazu war es pittoresk mit einem Umhang aus schwarzglänzender Seide bekleidet und auf dem Kopf trug es ein niedliches Mützchen, gefaltet und spitz geformt aus altem Pergamentpapier – man sah noch Zeilen von seltsam verzierten Buchstaben und das verblasste Farbenspiel einer Initialen.

Es ging durch Löcher und Höhlungen immer tiefer hinab in das Erdreich. Da verschnaufte das Kirchenmäuschen und die Waldmaus sah nur ein Paar schwarze Augentröpfchen glitzern. „Ich heiße Josefine“, keuchte die Kirchenmaus, „wie heißt denn du, einen Namen wirst du doch haben, wenn du auch eine Waldmaus bist!“ Da erwiderte die Waldmaus recht lieblich: „Mein Name ist Ildefons und bin aus dem Stamme der Ildefontes.“ Da wisperte Josefine zärtlich: „Du darfst mich Fine nennen!“

Josefine, die Kirchenmaus, geleitete Ildefons, die Waldmaus, in die uralte Krypta tief unter dem Altar der Kirche. Da war nun die bescheidene, aber glänzend gepflegte und geputzte Wohnung der Familie Kirchenmaus: Die Mutter hatte Plätzchen gebacken, mit Mehl und Flocken, Zucker und Zimt, Rosinen und Datteln, Mandeln und Nüssen. Und diese verteilte sie den Mäusekindern auf zierlichen Muschel-Tellerchen, die auf Blättern von Salat und Wirsingkohl standen. Der Vater stopfte noch ein wenig Moos in den Grund der Krippe, da lag ein zierliches Jesuskind, aufs Artigste aus dem weichen Holz des Kirschbaums gesägt und genagt, umrahmt von Maria und Josef und dem Ochsen und dem Esel. Dann versammelte sich die Familie um die Krippe und sang und wisperte hell und klar:

Alle Mäuslein fliehn zu dir, mein Christ,
aus tiefer Nacht und Dunkelheit.
Weil du des Maustums Licht uns bist,
jetzt und in alle Ewigkeit.

Josefine aber saß dicht bei Ildefons und hatte zaghaft das Köpfchen auf seine Schulter gelehnt. Dann begann ein fröhliches Knuspern und Knabbern, ein herziges Knittern und Knistern. Schließlich überreichte der Mauspapa dem Gast eine Nussschale, gefüllt mit süßem Honigwein, auf dessen Herstellung sich die Kirchenmäuse bekanntlich so gut verstehen. Ildefons nippte artig und dankte für die großherzige Gastfreundschaft. Da sprach die Mäusemutter feierlich: „Mein lieber Ildefons, wir wissen um dein hartes Schicksal. Du sollst mehr sein als unser Gast, schau her, das ist von nun an deine neue Familie!“

Und die Waldmaus kam nicht umhin, sich eine winzige Träne aus dem Augenwinkel zu wischen. Als ihr Josefine aber einen neuen schwarzseidenen Umhang umlegte und ein frisch gefaltetes, spitzes Hütchen aus dem Pergament eines zerfledderten, alten Gesangbuchs aufsetzte, war er froh wie nie in seinem kleinen Mäuseleben.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Die seltsame Entdeckung des Dr. Hu

Im Jahr 2978 wird ein chinesischer Mandarin namens Dr. Hu in der gänzlich verfallenen ehemaligen Hauptstadt des Deutschen Reichs mit dem nunmehrigen Namen Bej-Ling aus dem Schutt des Untergrunds, wo der Sage nach einmal eine Bahn auf Schienen gefahren sein soll, ein ziemlich zerfetztes und von Mäusen angeknabbertes Buch ohne Verfasserangabe mit dem Titel „Chronikels von Skandälchens und Kriminale aus dene Vorgezeite“ ausbuddeln.

Dr. Hu, der einer chinesisch-japanischen Historikerkommission zur Untersuchung der Ursachen des Verfalls und Untergangs des alten Europas in der sogenannten Verfallszeit zwischen 2450 und 2750 vorsteht, kann den Ursprung seines Funds mittels chemischer Analysen von Bodenproben des Grabungshorizontes und des Pergaments sowie der für die im Übrigen schwer lesbare, da stark zittrige und verwackelte Handschrift verwendeten Farbmittel – es handelt sich um eine Mischung von echter Sepiatinte und mineralischen Zusätzen – auf eben den Zeitraum der dritten Jahrtausendmitte datieren.

Dr. Hu, einer der wenigen Wissenschaftler weltweit, die noch über wenn auch zum Teil rudimentäre Kenntnisse der alten europäischen Sprachen verfügen, quält sich durch das sprachlich mehr als anspruchslose, ja verrohte und von Barbarismen strotzende Machwerk und stößt endlich auf eine Passage, die ihm historisch anspielungsreich und hintergründig genug dünkt, so dass er sich veranlasst sieht, sie in der renommierten, naturgemäß auf Chinesisch erscheinenden „Historischen Zeitschrift zur Erforschung der europäischen Verfallszeit“ zu veröffentlichen, herausgegeben in Mo-Na-Ko di Ba-Va-Lia, der Hauptstadt der chinesischen Südprovinz in Te-Dejo-Nia, die die chinesischen Besatzer nach alten Plänen und mehr nach uralten Phantasien in einem charmanten sino-barocken Pagoden- und Zuckerbäcker-Spätstil wiederaufgebaut haben.

Dr. Hu fordert in der wissenschaftlichen Einleitung seiner Veröffentlichung, in der er die Ergebnisse der Analysen und die Datierungsversuche des seltsamen Fundes referiert, am Ende seine Zunftgenossen auf, ihm, dem Herausgeber, umgehend Mitteilung zu machen, falls es einem von ihnen gelingen sollte, die in dem Passus erwähnte und seltsam eingerahmte historische Figur zu identifizieren. – Hier ein Auszug:

„Da koom ene Männe, gepürzelt uff em Salz-un-Pepper-Berga, benamset Wolferl, der Schnauz, oder och angebellet Grö-Fazke, in deme prussische Sandkästele an die Ruder unde Rieme, und hat vom Rathüs gebrüllst, er dät machene et ganze Ostland a blühend Ländle. Doch drum weil er hätt allerliebst nur sein eigen Schnurres, er musst verhundsen und verkatzen alles, was sonst anoch schnauzbürstlig wär. Dahero hat er veringrimmt und gepiesäckelt den Charlemagnus, und darob den großen Schnauz Jupp, genamset auch Juppes, der Schlappes aus dem Georgsland. Hat unter grandem Flammengespei die Ringelchens gewechslet mit dero fremdzungichter Danznix, die war ihm ze Gifte und hat angepiffen das sibirische Drachenviech, das kam angefleucht in die bös Nacht und packen das Wolferl und ihn hochreißen ins Gelüfte, von wannen er nit mehr wurd gespäht.“

Keiner der von Dr. Hu um eine kritische Sondierung und Bewertung gebetenen Wissenschaftler kann zur Identifizierung der in dieser seltsamen Melange aus Annalistik, Legende und Märchen hervorschimmernden historischen Figur beitragen. Bald darauf löst sich die erwähnte chinesisch-japanische Historikerkommission zur Erforschung der europäischen Verfallszeit zwischen 2450 und 2750 auf – zu sehr waren die dürftig genug fließenden Quellen von sekundären Stoffen wie Legenden und Sagen verunreinigt und getrübt.

Das Großmaul wird kleinlaut am End

„Schau mal, ist das nicht die mit der großen Klappe?“

„Sieht nicht so aus, als würde die morgens Schampus und Austern schlabbern!
Mensch, wie die vor Jahr und Tag hier rumlief,
so ʼnen Klatschmohnmund, und der Lidstrich
hat noch im Dunkeln geleuchtet.“

„Weißte noch damals, wie die auf der Party umknickte,
so ganz plötzlich, aber genau an der richtigen Stelle,
zum goldrichtigen Zeitpunkt …“

„Dem richtigen Typen in die Arme …“

„Dem Verleger von zotigen Blättchen,
hat dann bald den Löffel abgegeben …“

„Wer weiß, wie die nachgeholfen hat …
Hat den Laden gleich übernommen und mir nichts, dir nichts
die Bordelle der Hauptstadt Ost, eins nach dem anderen,
kontrolliert, da ging ganz Pankow ein und aus,
und die Stasi hatte Lauscher unter jedem Bett.“

„Traf sie mal nach dem Mauerfall zufällig wieder,
hatte ein Kapotthütchen mit ʼnem Gazeschleier auf,
das Gesicht glattgestrichen wie Gips,
behauptete, sie hätte jetzt ein Engagemang beim Theater,
hat da aber in Wirklichkeit nur ab und zu geputzt.“

„Und jetzt trägt die Zeitungen aus im Viertel.“

Das Großmaul wird kleinlaut am End.

Der große Zampano wird nicht von einem Faustschlag getroffen,
sondern von einer Melodie
und wälzt sich heulend am kahlen Strand.

Der große Ajax,
dem die zottelige Brust schwoll
wie der Buckel von Achills Schild,
hat Schaum vorm Mund
und führt einen Rachefeldzug gegen Schafe.

Ein gewisser Gröfaz
findet nur als im Vakuum schwebender Schnurrbart,
ohne Gesicht dahinter, Erwähnung
in den chroniques bourlesques et scandaleuses.

Der andere Schnauzbart
hat sich durch Aufrichtung eines gigantischen Hauses,
im Stil eines megalomanischen Beton-Arsch-Klassizismus,
Stein für Stein mit dem Mörtel Wahn verfugt,
an den großen Versammlungsplätzen
der Hauptstädte des Ostens verewigt. –
Und sein Reich zerfiel.

Herr, deine Steine sind weich

Wie schnell die Bilder verlöschen.

Bist nicht auch du ein Bild und bleibst im Leben nur,
solange auf dir weilt der Blick, der lebendig macht,
doch Schatten und Rauch wirst, wenn er sinkt?

Wie schnell die Bilder verlöschen –
der nasse Teig verklumpten Wissens
ohne Anfang und Ende, ohne Gesicht –
der Meister verdöste den Tag,
als die Töpferscheibe sich geisterhaft drehte.

Die Kontinente schwimmen und gleiten.

Dir gelang einstweilen nur mühsam,
am Rande des Tellers aus dem Chaos
der Buchstabensuppe ein paar sinnige Silben zu reihen:
„fühlsam“ liest es sich da, und „Wohnort“, „goldgrün“,
„altrosa“ „Birkenhain“, „behutsam“ oder „Geduld“ …

Die Kontinente schwimmen und gleiten.

Der Tisch mit dem Teller, aus dem du die Suppe löffelst,
das Zimmer mit dem Tisch und das Haus mit dem Zimmer
und die Stadt mit dem Haus rasen
um die Achse der Erde und die Erde rast um die Sonne,
und die Sonne rast …

Die Kontinente schwimmen und gleiten.

Du stolzierst auf den schwankenden Blättern
der Rose deines Bewusstseins,
die auf dem Weltenteich wogt.
Und der Teich hat ein Bleiben im Garten des Herrn nur,
solange auf ihm weilt sein Blick, der lebendig macht,
doch Dunst und Steppe wird, wenn er sinkt.

Die Kontinente schwimmen und gleiten.

In tausend Mündern wird das Wort wie ein Kirschkern
gedreht und gewendet, gesäuert und zermürbt,
und wenn ihn einer ausspuckt vor dir,
wendest du dich angewidert ab,
er bleibt liegen, ein Kern, den die Erde verschmäht.

Die Kontinente schwimmen und gleiten.

Der Schnee auf dem Monte Soratte,
in dessen Glanz sich der Ruhm des Dichters gespiegelt,
schmolz dahin. Der Himalaya steigt und steigt
in ein Schneelicht jenseits der Menschen.

Die Meere drängen ineinander und fluten zusammen,
immer tiefer sinkt die Argo und das goldene Vlies
ins Sprachlose hinab.

Die Kontinente schwimmen und gleiten.

Wie schnell die Bilder verlöschen.
Morgen steht ein anderer mit deinem Anzug
und deinem Gesicht an derselben Theke
und redet daher mit deinen Worten,
du aber bist schon fern, auswärts gereist,
weit weg, nicht mehr rufbar mit Namen,
das verwischte Nachbild
eines lautlosen Blitzes in der hohen Sommernacht,
ein sanftes Geheimnis, verlöscht,
das sich noch eben am Himmel entlangschrieb.

Die Kontinente schwimmen und gleiten.

Ninna Nanna

Fai la ninna bambolina, ché per te tramontò il sole,
si addormentono l’uccellini, si addormentano le viole.
Le viole sulla notte, tutt’attorno a la tua culla,
e l’uccello a frotte a frotte, ché per te è bianca luna.

Eo, eo, eo, e Heike si addormentò.

E se Heike non vuole dormire, botte al culetto deve avere,
deve averne cinquecento, figlia d’oro e figlia d’argento.

Wiegenlied

Schlaf, mein Kindchen, schlaf ein – die Sonne badet im Rhein,
die Vöglein und die Blümelein, alles schläft und schlummert ein.
Und es sind Blumen der Nacht, die dir in die Wiege ʼneinblicken,
die Vogelschar hält für dich Wacht, der Mond tut leise dir nicken.

Eia, eia popeia, mein Heikchen macht heia heia.

Und mag meine Heike schlafen nicht, küss ich ihr die Wangen, die Augen,
dass von tausend Küssen sie müde werde, Kind du von Himmel und Erde.

Ins Leben gekitzelt

Eine Stute, die ihr Fohlen,
dem eben die Nabelschnur riss,
mit mütterlich-geduldiger Zunge
in die Freiheit des Lebens leckt …

Deinen Kopf und deine Schultern,
deine Brust und deinen Leib
umschleichen und umschmeicheln
lieblich lachende Feuerzungen,
die dich ins Leben kitzeln,
die dich ins Leben singen.

Ich liege, ein modrig-feuchter Stamm,
am Wegrand Tag und Nacht,
die Rinde blättert, das Mark ist mürbe,
kleines Leben, flirrend-wirrendes,
schmatzend-kratzendes,
kauend-verdauendes Wesen
kriecht in mich ein, surrt wieder aus.

Manchmal streunst du vorbei
und hockst dich gähnend nieder
auf den alten Stamm,
behaglich schaust du dich um,
ob wohl noch Beeren locken.
Und das Weben der Mücken
macht dich sinnen und fragen,
ob aus dem Licht der Birken
ein Schatten trete hervor.

Untröstliche Wahrheiten

Manche, deren Bestimmung längst abgetan ist und deren Los geworfen ward, laufen einfach weiter wie Hühner, denen der Kopf abgeschlagen worden ist.

Immer wieder jätest und reinigst du deine sorgsam gehegten Beete. Immer wieder streuen des Nachts tückische Schleicher den Samen exotisch wuchernder Kräuter hinein. Oder ist es der nackte Wind, der sie aus fernen Gefilden bis hierher trägt?

Der falsche Priester, der sein weißes Kollar in die Gosse der öffentlichen Meinung geschleudert hat – und predigt jetzt süßlich Mitleid statt das Ende des Äons.

Der Sohn hat das väterliche Erbe verprasst, verhurt und versoffen – bleich und abgebrannt kommt er nach Hause und vergießt heuchlerisch Tränen im Angesicht der verwilderten Pracht der Gärten und der moosüberwachsenen Schwelle.

Wenn dir einzig die Wahl beschieden, das Maul zu halten und es dir in der guten Stube gemütlich zu machen oder durch wildes Gefuchtel und barbarisches Geheul die Aufmerksamkeit und den Applaus eines Publikums von Stumpfen und Dumpfen einzuheimsen, dann wähle bitte aus Rücksicht auf unser fadenscheinig gewordenes Nervenkostüm das Erstere.

Solange Christen in frommer Einfalt vor dem göttlichen Kind niederknien, ist die Welt noch nicht verloren. Wenn allerdings ein Papst ex cathedra verkündet, der Klerus solle Alltagskleidung tragen, die Kirche solle arm sei wie die ominöse Maus, der Petersdom sei zu versteigern und der Erlös den Bedürftigen auszuteilen, die Sakramente gehörten denen, die nach ihnen verlangen, würdig hin, würdig her, die Gabe des heiligen Trostes sei ein sakraler Service, der keinen sozialen und moralischen Einschränkungen unterliege … dann, ja dann ist sie vielleicht schon untergegangen und du hast es, den Kopf im Dunst deiner falschen Ideale, nur noch nicht bemerkt.

Heroen der Schlechtigkeit. Sie erhalten die Preise. Sie machen den Reibach. Aber auf ihren Werken stehst du wie ein Menhir auf glucksendem Moor.

Frauen, die auf dem eitlen Geschwätz ihrer Verehrer wie Bachstelzen mit elegant tastenden Schritten auf den dünnen, schwankenden Blättern der Teichrosen stelzen.

Nachts, wenn du wachliegst und Totenstille in das Vakuum des Undenkbaren sickert, kannst du in einiger Entfernung das Echo der Hammerschläge hören, mit denen der römische Soldat Jesus ans Kreuz nagelt.

Die kleine Stadtmaus mit der Unruhe im Herzen, des satten, gesicherten Daseins und des unbekümmerten Luxus in der Speisekammer des Highlifes überdrüssig, hat vom Großvater bunte Geschichten über das aufregende Leben der Waldmäuse gehört, wobei der Alte den aus den Augen von Eule und Wildkatze spiegelnden Schrecken in köstlichen Nervenkitzel verwandelte, und lange mit sich gerungen, ob sie das behagliche Miteinander im Kreise der Eltern und Großeltern, der Geschwister und Neffen und Nichten, der Tanten und Großtanten wohl entbehren könne, dann aber in heroischer Entschlossenheit und Selbstüberwindung ihr kleines Bündel gepackt und ist eines Nachts, Abschiedstränen aus den Augenwinkeln wischend, aus der heimelige Wohnstatt nach draußen gehuscht – um gleich, als sie, hilflos über die Perserteppiche trippelnd, nach dem Ausgang in die weite Welt und ihre Abenteuer suchte, in die Fänge des Hauskaters, einer feisten Perserkatze, zu geraten.

Ein Satz, der dich wie ein kunstvoll abgeschälter und abgeschabter, ausgehöhlter und ausgehobelter, verpichter und versiegelter Einbaum über das Wasser trüge … Und doch müsstest du das Ruder führen. Und doch müsstest du die Richtung finden. Denn allein du kannst den Satz gut verwenden. Das geht nur, wenn du genügend Kraft in den Armen hast und die Richtung kennst. Wenn nicht, treibst und trudelst du führungs- und orientierungslos in der Strömung – und diese ist kräftig.

Du gehst hastig auf die Straße, um im Supermarkt auf die Schnelle noch dies und das einzukaufen. Eine Menschenmenge versperrt den Weg. Raunen, Zischen, Fluchen. Peitschende Hiebe. Du verschaffst dir Bahn und Ausblick. Du siehst, wie ein halbnackter, nur mit einem Lendentuch bekleideter Mann, den Leib zerfurcht von Striemen und Wunden, eine Dornenkrone auf dem Haupt, ein schweres Holzkreuz auf der Schulter trägt und sich damit mühsam voranschleppt. Soldaten geleiten und bewachen das Geschehen, einer treibt den zum Tode Verurteilten, der erschöpft in sich zusammensinkt, mit der Peitsche an. Die Menge johlt, lacht, spottet. Auch als sie die kleine, verschüchterte Gruppe der Angehörigen und Vertrauten des Gequälten gewahrt, darunter die Mutter, die vor Grauen und Verzweiflung ins Knie bricht und von einem schönen jungen Mann mit leuchtenden Augen aufgefangen wird. – Was bleibt dir zu tun? Du kannst dich in die Menge flüchten und vor der Wahrheit zu verbergen trachten. Oder du gehst hin zu jenem, der eben unter der Last des Kreuzes hingefallen ist, und nimmst ihm das Kreuz ab und trägst es eine Weile an seiner Statt. Oder du nimmst das feine, kostbare Seidentuch vom Hals und reichst es dem Mann, auf dass er sich den Schweiß vom Angesicht wische.