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Logische Schneisen IV

Die Verknüpfungs- oder Ausschließungsregeln, gemäß denen du die Begriffe verbindest und trennst, bilden die Ordnung der Vernunft.

Solche Regeln ähneln den Regeln der Straßenverkehrsordnung, wonach wir hierzulande gehalten sind, auf der rechten Seite der Straße zu fahren. Diese Vorschrift ist insofern willkürlich und rein konventionell, als wir es ja auch wie die Briten halten könnten. Nicht willkürlich und nicht bloß konventionell ist der Zwang zur Entscheidung für eine der beiden Alternativen oder in anderen Fällen für irgendeine von gegebenenfalls mehreren Alternativen.

Weil das System unserer Erfahrung uns die erfahrbaren Momente, Gegenstände und Ereignisse, als Bündel ein- oder mehrstufiger Relationen von Eigenschaften gleichsam in den logischen Raum hineinstellt, kommen wir nicht umhin, unsere Behauptungssätze aus Ausdrücken für Gegenstände und zu ihnen relative generelle Terme aufzubauen.

Die Ordnung der Vernunft ist mit der Sprache gegeben. Vernunft und Sprache sind gleichsam da oder nicht da – du gelangst nicht von einer Welt ohne Vernunft und Sprache in einer Folge kontinuierlicher Übergänge zu deiner Welt von Vernunft und Sprache. Du musst springen oder du hast schon immer springen müssen, hast den Sprung schon immer hinter dir – denn keine Erinnerung reicht an jene Pseudo-Welt des Unbewussten jenseits der Grenzen des logischen Raums zurück.

Die seltsamen Leute, die Sprache und Offenbarung theologisch pantschten, waren der Wahrheit näher als die heutigen ungemein pfiffigen und zugleich ungemein dummen Evolutionsbiologen und Evolutionspsychologen, die eben jener Kontinuität unmerklicher Übergange von der bewusstlosen und sprachlosen Welt zu unserer Welt des Bewusstseins und der Sprache auf der Spur zu sein wähnen.

Was sollte es zwischen der Welt des Bewusstseins und der Sprache und der unbewussten und sprachlosen Pseudo-Welt geben und ermöglichen, dass diese in jene überginge? Man hat das mythische Bild von Keimen oder Logoi spermatikoi vor Augen. Dies aber trügt. Der Keim zum Bewusstsein und zur Sprache ist schon das ganze Ding.

Sicher, du hast sprechen, lesen, denken gelernt. Aber das erste Wort war schon die ganze Initiation. Mit dem ersten Ein-Wort-Satz warst du schon im Besitz der ganzen Sprache. Mit der primären Initiation in die Welt der Bedeutung war deine Fähigkeit zum Verstehen und Denken geboren.

Du kannst die Zahlenreihe bis zur Erschöpfung immer wieder mechanisch abschreiben und auswendig lernen. Du kannst Additionsmuster auswendig lernen und zur Frage „Was ist 14 X 14?“ das richtige Resultat nennen, ohne dass wir dir zugestehen würden, du wüsstest, was es heißt, zu rechnen. Wenn du verstanden hast, dass du mit der Regel x + 1 und x – 1 die Reihe der natürlichen Zahlen aufbauen kannst, wenn du verstanden hast, dass die Menge dieser Murmeln verteilt auf die Menge dieser Münzen dieselbe Zahl repräsentiert, hast du das Wesen der Zahl und des Zählens und Rechnens verstanden.

Es gibt keinen Anfang des Bewusstseins, der Erfahrung, der Sprache, des Denkens. Bewusstes Erleben, Sätze, Gedanken sind Elemente des logischen Raums, der kein Außen, keinen Anfang, kein Ende hat.

Die Ordnung der Sprache und der Vernunft hängt und schwebt gleichsam in der Luft. Es gibt kein Fundament, weder eine natürliche oder historische Ursache noch einen psychologischen Grund, auf dem sie aufruhte und ihre Rechtfertigung bezöge. Du kannst das Denken nicht durch Angabe von Gründen rechtfertigen, nur den einzelnen Gedanken, den einzelnen Satz. Es gibt keine Antwort auf die Frage: „Warum soll ich vernünftig denken?“ Oder auf die Frage: „Warum soll ich sinnvoll reden?“ Das Spiel der Gründe ist ein Spiel innerhalb der Grenzen des logischen Raums von Sprache und Vernunft.

Sätze über etwas, die nicht verneint werden können, sind sinnlos. Wäre der Satz „Der Mond ist der Erdtrabant“ ein solcher Satz, wäre er keine empirische Aussage, ein Satz über etwas in der Welt, sondern eine Festsetzung wie die, der zufolge 2 x 2 = 4 ist.

Festsetzungen können allerdings nicht verneint, nur angenommen oder verworfen werden. Wenn wir mit ihnen operieren, zum Beispiel addieren und multiplizieren oder Schlüsse ziehen, haben wir sie akzeptiert. Andernfalls rechnen und denken wir nur scheinbar.

Wenn wir sagen: Du kannst nicht gleichzeitig etwas und sein Gegenteil behaupten, reden wir nicht über ein physisches oder psychisches Versagen. Nicht-Können im logischen Raum gleicht mehr einer Tabuisierung oder einem moralischen Verbot als einer physisch-psychischen Blockade.

Natürlich kannst du so tun, als überschrittest du die Grenze des logischen Raums – aber diese Donquichotterie ist vergebliche Liebesmüh, bringt dir nichts, aus diesem Jenseits kommst du mit leeren Händen zurück. Aber du kommst ja nicht zurück – du bist schon immer gleichsam zu Hause.

Die Möglichkeit der Verneinung ist die Möglichkeit, immer etwas Wahres zu sagen oder deine Äußerungen stets mit der Realität in Einklang zu bringen, mit der Realität in Harmonie zu bleiben. Wenn strahlendes Wetter deine Annahme und Behauptung, es regne, augenscheinlich eines Besseren belehrt, so ist es schon gut und alles in Ordnung, wenn du deine ursprüngliche Aussage verneinst.

Du kannst diesen gewaltigen Stein nicht mit der Hand hochheben. Du kannst einen schwarzen und einen weißen Fleck nicht gleichzeitig an demselben Ort im Gesichtsfeld wahrnehmen. – Auf dem Mond könntest du den Stein vielleicht heben. Doch gibt es keine Welt, in der du Schwarz und Weiß zur gleichen Zeit am selben Ort sehen könntest. Dieses Nicht-Können ist kein psychisches Unvermögen, sondern eine Art logischen Zwanges, der aber nichts anderes als unsere Form der Klassifikation der Farben widerspiegelt. Die Aussage über die Farben ist daher keine empirische Aussage, kein Satz über eine Tatsache der Welt, sondern über eine Festsetzung im logischen Raum. Mit dem physisch und psychisch Unmöglichen stoßen wir an die Grenzen unserer Fähigkeiten, mit dem logisch Unmöglichen an die Grenzen des logischen Raums.

„Dies ist kein Satz“ heißt, dies sieht nur so aus wie ein Satz, sieht nur so aus, als hättest du etwas behauptet, in Wahrheit hast du Unsinn geredet, das heißt nichts gesagt.

Verstehen ist autonom und setzt sich gleichsam selbst voraus. „Ich verstehe diesen englischen Ausdruck nicht“ ist gutes Deutsch. „Ich verstehe meine Muttersprache nicht“ scheinbar gutes Deutsch, in Wahrheit aber Unsinn.

Wenn du dein Zimmer aufräumst, kannst du Kraft und Zeit sparen, indem du ökonomisch vorgehst und zum Beispiel erst den Tisch abräumst und dann abwischst. Doch was du in welcher Reihenfolge im Schrank und auf den Regalen stapelst, unterliegt rein praktischen Erwägungen. – Die Ordnung der Sprache und des Denkens lässt allerdings nur gewisse Zusammenstellungen und Kombinationen von Elementen zu. Letztlich kommst du immer wieder auf die Grundform der behauptenden Aussage zurück, nämlich zu sagen, etwas sei so und so.

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Logische Schneisen III

Aussagen, die du über deine augenblicklichen Empfindungen und Sinneswahrnehmungen machst, zum Beispiel: „Ich sehe in dieser Ecke einen roten Fleck“, sind evident – auch wenn du einer Täuschung unterlegen sein solltest und im physikalischen Sinne in jener Ecke kein roter Fleck ist, also von dort keine Lichtfrequenzen ausgestrahlt werden, die du als roten Fleck wahrnimmst. Die Evidenz wird klar, wenn du Sätze über deine Empfindungen und Wahrnehmungen mit „Mir scheint, dass p“ formulierst. Sätze dieser Art sind stets wahre Aussagen, und wenn du sie mit Datum und Ortsangabe versiehst, dann sind es wahre Sätze mit zeitlich und räumlich uneingeschränkter Geltung.

Der Satz „Ich glaube, dass der Mond aus Käse besteht“ ist ein wahrer Satz über deinen Bewusstseinszustand des Glaubens, während der Satz „Der Mond besteht aus Käse“ ein zwar sinnvoller, aber falscher Satz über die Beschaffenheit unseres Erdtrabanten darstellt.

Die Konjunktion „Der Mond besteht aus Käse und ich glaube nicht, dass der Mond aus Käse besteht“ ist nicht falsch, aber unsinnig – denn du kannst nicht sinnvoll den Inhalt deines Für-wahr-Haltens negieren, also nicht für wahr halten.

Sonnvolle Sätze mit Behauptungscharakter sind entweder wahr oder falsch; sinnlose Sätze sind nicht einmal falsch.

Der eine findet den vergrabenen Schatz auf der Insel anhand eines typographisch genauen Lageplans; der andere anhand einer minutiösen sprachlichen Beschreibung – man kann sagen, dass die Bedeutung dieser beiden Darstellungen identisch ist. Daraus folgt, dass ein und dieselbe Bedeutung in unterschiedliche Darstellungsmedien transformiert oder in unterschiedlichen Darstellungsmedien modelliert werden kann, ohne dass die Bedeutung, der Inhalt der Mitteilung und Darstellung, modifiziert würde.

Die Bedeutung von Wörtern ist die Permutation aller sinnvollen Sätze, in denen sie vorkommen können.

Weil die Permutation der Wörter in all den sinnvollen Sätzen, in denen sie vorkommen können, unendlich ist, ist die Identität der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke nicht vollständig definiert und abgegrenzt. Das ist nichts als der Reflex der trivialen Wahrheit, dass Sprache im Dienst des Lebens steht. Ein Rest von Vagheit bleibt. Aber damit können wir leben – sc. sprechen.

Das Bewusstsein ist eine Funktion, in der beliebige Erlebnisinhalte als Werte der Variable eingesetzt werden können – und immer resultiert ein wahrer Satz.

Wir können uns zwar eine Welt und also eine Welt des Bewusstseins denken, in der es keine Farben hat, aber keine Welt, in der ein Rotton als grünlich spezifiziert würde. Die Klassifikation der Farben liegt gleichsam im logischen Raum.

Aufgrund verfehlter Analogien gerätst du in die Fallstricke falscher oder unsinniger Fragestellungen. Du hältst einen des Bewusstseins gänzlich ermangelnden physischen Gegenstand wie einen Stein neben die psychische Tatsache, dass sich all deine Erlebnisse wie konzentrische Kreise um den Mittelpunkt deines Ego ordnen – und stolperst prompt in die Frage, wie denn die eine Tatsache mit der anderen zusammenstimmen könne, wie ein Kontinuum die Welt des Toten und die Welt des Lebendig-Bewussten verknüpfend durchziehen könne. Du bist vollends verstrickt mit der Frage, wie sich aus der Welt bewusstloser physischer Objekte die Welt erlebniszentrierter Egos zu entwickeln vermöchte. Und weiter ins Gestrüpp: Mittels welcher evolutionärer Mechanismen könne dies wohl geschehen sein, oder handele es sich um unüberbrückbare Seinsweisen, und das Bewusstsein wäre am Ende ein unerhörtes, mein und dein Bewusstsein quälendes Rätsel im Reich des Unbewussten?

Wir unterscheiden: Erstens triviale, unproblematische Begriffe oder Alltagsbegriffe, die wir fraglos und problemlos verwenden: „Bring uns doch zwei Stück Kuchen vom Bäcker mit“ oder „Übermorgen nehmen wir den Zug nach Wien“ – unser Alltagsverstand und unser Schulwissen reichen aus, um Begriffe wie „zwei Stück“ oder „Wien“ zu definieren oder zu beschreiben.

Zweites gibt es extrem viele nichttriviale, unproblematische Begriffe, die wir nur so obenhin und so lala gebrauchen wie Quarks, Quantenrechner, Photonenstrahl, Ionisation, aber auch Molekül, Boson, Kristall, DNA, Quasar oder Perm und Karbon oder auch Zahl, Reihe und Menge, deren exakte Definition und Beschreibung ein hohes Maß an Expertenwissen erfordern. Wir gebrauchen sie aber meist ohne Not und Gewissensbisse, weil wir, in Bedrängnis geraten durch unleidliche oder neugierige Zeitgenossen mit ihren zudringlichen Fragen, immer irgendwo einen Experten auftreiben können, der uns aus der Klemme hilft.

Drittes haben wir uns an den unbefragten Gebrauch nichttrivialer, aber sinnloser Begriffe gewöhnt, Rudimente und Sedimente untergegangener und verschütteter Mythologien wie Urstoff, Materie, Lebenskraft, Äther, Gleichzeitigkeit oder Reflexe epidemisch virulenter zeitgenössischer Ideologien wie Phallozentrismus, Alterität, Dekonstruktion, die wir bloß ironisch oder gelegentlich poetisch verwenden oder aus unserem Wörterbuch streichen sollten.

Viertens verwenden oder stoßen wir auf wenige triviale, aber problematische Begriffe, die wir Grundbegriffe, Basisbegriffe oder apriorische und axiomatische Begriffe nennen wie Ich, Selbst, etwas, Gegenstand, Körper, Raum-Zeit, Bewusstsein, Sprache, Bedeutung, Sinn, Wahrheit und Falschheit. Sie sind trivial, weil wir sie umstandslos verwenden, problematisch aber, insofern wir ihre Definition und Erklärung nicht auf Anhieb angeben können, auch wenn wir zurecht das vage Gefühl haben, dass ohne sie das System unserer Erfahrung augenblicks zusammenbrechen würde. Sie fungieren nämlich gleichsam als Gelenke des gesamten Systems der Erfahrung, durch welche der Gebrauch aller anderen Begriffe mit Sinn, Gehalt und Struktur begabt und versehen wird.

Vernunft ist die Harmonie, die konsistente und kohärente Anwendung, der logischen Grundbegriffe und logischen Grundsätze wie des Satzes der Identität oder des Satzes vom Widerspruch auf das gesamte System unserer Erfahrung. Die Vernunft ist die Ordnung unserer Erfahrung gemäß den logischen Grundbegriffen und Grundsätzen.

Die Vernunft kann sich und ihr Gegenteil, den Wahnsinn, umfassen und erklären, nicht aber umgekehrt – der Wahnsinn steht fassungslos vor der Vernunft.

Logische Grundbegriffe und Grundsätze begrenzen den logischen Raum von innen – sie bilden eine Art Muster, das in den nach ihm gemodelten und gefertigten Einzelstücken, den einzelnen Sätzen, exemplifiziert wird.

Die basale Exemplifikation des Begriffs etwas oder Gegenstand ist der Körper.

Wir reden gewöhnlich nicht von Gegenständen als von Körpern, sondern sagen etwas über diesen Tisch, deinen Fuß, mein Fahrrad oder die Tatsache, dass es regnet. Aber in all solchen Sätzen haben wir die Regeln über die korrekte Verwendung der Grundbegriffe und Grundsätze in unserem System der Erfahrung mit Körpern vorausgesetzt und exemplifiziert. Wir wissen, dass Körper im trivialen Sinne mit gewissen phänomenalen Eigenschaften wie Festigkeit, Plastizität, Starre oder Dehnbarkeit, mehr oder weniger genauen Grenzen, Größe, Gewicht, Farben usw. in unserem Wahrnehmungsraum auftauchen, verharren, sich bewegen, verschwinden.

Wir wissen aber auch, dass Körper physikalische Eigenschaften haben, die in unseren Wahrnehmungsraum sich nicht vollständig einfügen und darin nicht vollständig erfassen lassen, wie die relative Konstanz ihrer Dingform. Wir erwarten zurecht, dass der Hund, der jetzt hinter dem Gebüsch aus unserem Sichtfeld verschwunden ist, gleich wieder aufkreuzen wird, und gehen nicht davon aus, dass er in der Zwischenzeit seiner Unsichtbarkeit für uns sich in Luft aufgelöst und in unser Gesichtsfeld eintretend sich wieder materialisiert hat. Wir stopfen die Lücke in unserem Wahrnehmungsfeld mit der einfacheren Hypothese über die relative Konstanz des Körpers bei seinen Bewegungen durch die Raum-Zeit.

Logische Schneisen II

Der Begriff Bewusstsein eröffnet eine logische Dimension, einen logischen Raum. Er ist kein empirischer Begriff wie Baum, Pferd, Mensch oder Gehirn – sondern der Grund und die Voraussetzung dafür, dass wir über empirische Begriffe dieser Art verfügen.

Das Gehirn weist empirische Messwerte auf, es ist so und so groß, so und so schwer, hat so und so viele Neuronen etc. Das Bewusstsein ist weder groß noch klein, weder leicht noch schwer, es besteht auch nicht aus Teilen. Das Bewusstsein ist die logische Dimension, innerhalb deren es möglich ist, von Gegenständen und Sachverhalten in der räumlich und zeitlich geordneten Welt zu sprechen.

Es ist also Unsinn zu fragen, wie eine Welt ohne Bewusstsein aussähe, eine Welt ohne das Vorkommen von menschenähnlichen Wesen, die sich ihrer und der Tatsachen der Welt bewusst sind, oder eine Welt mit menschenähnlichen Zombies, die sich ihrer und der Tatsachen der Welt nicht bewusst sind.

Der Begriff Bewusstsein eröffnet einen logischen Raum – aber dieser hat nicht wie ein Zimmer ein Außen und Innen, in ihm befinden sich nicht wie in einem Zimmer diese und jene Gegenstände. Das Gehirn freilich kannst du von außen betrachten, und es befindet sich im Raum des Schädels.

Es ist wie mit der Sprache: Willst du etwas über die Sprache herausfinden, musst du dich ihrer bedienen, musst du sprechen. Also sind Untersuchungen und Betrachtungen über das Bewusstsein und die Sprache – nennen wir sie halt Philosophie – keine empirischen Untersuchungen und Betrachtungen – wie die chemische Untersuchung des Wassers, die in seiner chemischen Analyse resultiert. – Hier gerätst du notwendigerweise ins Stocken und Stottern oder bist genötigt, zu sprachlichen Verrenkungen und Zwitterbildungen zu greifen, wie wenn du sagst, das Bewusstsein sei autonom, sorge für sich selbst oder setze sich selbst voraus oder die Sprache sei autonom, sorge für sich selbst und setze sich selbst voraus.

Du weißt wohl oder in etwa, wie es sein mag, wenn du aufgrund der Einnahme einer sogenannten bewusstseinsverändernden Droge oder einer unzureichenden Ausschüttung von Transmittern und anderen Botenstoffen im Gehirn von normalen Bewusstseinszuständen mehr oder weniger gravierend abweichende Bewusstseinszustände erlebtest – du hörst Stimmen, aber da sind keine Leute, die sprechen, du siehst Gesichter, aber das sind keine Tiere oder Menschen, die sie zeigen. Auch ein unter Drogeneinwirkung delirierendes Bewusstsein, auch ein unter einem akuten psychotischen Anfall leidendes Bewusstsein erfüllt die Bedingungen, die die Anwendung des Begriffs Bewusstsein sinnvoll machen: Du hörst etwas, du siehst etwas. Du sagst: Ich höre etwas, ich sehe etwas. Du würdest – auch nicht im Drogenrauch oder während eines psychotischen Anfalles – sagen: Ich höre etwas, aber es ist nicht wahr, dass ich ein Geräusch, einen Klang, eine Stimme wahrnehme (auch wenn da nichts ist, das die physikalisch korrespondierenden Luftschwingungen verursacht). Du würdest unter den gleichen Bedingungen auch nicht sagen: Ich sehe etwas, aber es ist nicht wahr, dass ich eine Fratze, ein tierisches Gesicht, ein menschliches Gesicht wahrnehme (auch wenn da nichts ist, das die physiklisch korrespondierenden Lichtfrequenzen aussendet).

Die Aussage: „Ich sehe etwas“, „Ich höre etwas“, kurz: „Ich nehme etwas wahr“ bildet die logische Struktur der Welt ab, in der wir leben. Sie enthüllt die Autonomie und Unableitbarkeit der Begriffe Ich (Selbst, Bewusstsein), etwas (Gegenstand, Sachverhalt) und Welt (logischer Raum aller möglichen Gegenstände und Sachverhalte). Sie enthüllt die interne notwendige Relation oder die interne notwendige Polarität der Begriffe Bewusstsein und Welt (als logischer Raum aller möglichen Gegenstände und Sachverhallte).

Der Begriff Bewusstsein ist keine Tatsache der Art, wie wenn du sagst: „Er hat das Bewusstsein verloren.“ Der Begriff Bewusstsein ist die logische Voraussetzung dafür, dass wir von Tatsachen überhaupt reden können – auch der in jenem Satz ausgedrückten Tatsache.

Das Bewusstsein ist kein Name eines Objekts, sc. des Gehirns. Wie das Verstreichen des Zeigers über dem Zifferblatt einer Uhr den Begriff der Zeit exemplifiziert, aber nicht erklärt, so exemplifiziert dein Erlebnis eines Einkaufs, eines Spaziergangs, eines Rendezvous den Begriff des Bewusstseins, erklärt ihn aber nicht.

Wissenschaftler, die sich anmaßen, das Bewusstsein als logische Dimension „naturalisieren“ zu wollen, ähneln Philosophen, die sich damit brüsten, den alten Hut der Vernunft an der Garderobe der Psychiatrie oder des Variété déconstructiviste in Paris abgegeben zu haben. Wie erst die Philosophen, die sich jene Wissenschaftler zum Vorbild nehmen!

Das Wissen, dass du einer Tatsache der Welt und deiner selbst bewusst bist, hat nicht die propositionale Struktur des Wissens, das in der Gleichung 2 x 2 = 4 oder in dem Satz „Der Mond ist der Erdtrabant“ ausgedrückt ist.

Umgekehrt: Dass du die Ereignisse der Welt als Sachverhalte und Tatsachen auffasst, die sich in der propositionalen Satzform „Ich meine, dass p“ abbilden, ist eine Funktion oder Ableitung des Bewusstseins.

Ähnlich wie der Vorgang des Lesens nicht als Wirkung der von den gedruckten oder geschriebenen Buchstaben ausstrahlenden Lichtfrequenzen auf das Auge, den Sehnerv und das Sehzentrum des Gehirns (neben anderen Hirnarealen) aufgefasst werden kann (Wie könntest du dich denn verlesen oder wie könntest du dann das Gelesene verstehen?) – ebenso wenig kann das Bewusstsein als phänomenale oder epiphänomenale Wirkung der kausalen Vorgänge im Gehirn aufgefasst werden.

Ein Meer, das nirgendwo Grenzen hat und nirgendwo an ein Ufer stößt, ist eigentlich kein Meer. Aber das Bewusstsein und die Sprache haben keine Grenzen – wir können aus der durch das Bewusstsein ursprünglich mitgegebenen Welt nicht fliehen. Auch sterbend verlassen wir nicht die Welt, sondern sie verlässt uns. Wir können nicht aufhören zu reden: Schweigen heißt ja nicht reden, aber wieder reden können. Wir können nur weitersprechen – oder verstummen. Doch wer wirklich verstummt, hat sich nicht der Sprache versagt, sondern die Sprache hat sich ihm versagt.

Das Bewusstsein ist ein logischer Raum, der eine ununterbrochene Skala, ein Kontinuum, unaufhörlich ineinander übergehender Bewusstseinszustände vom Moment größter Zerstreuung und Bewusstseinstrübung bis zum Moment höchster Aufmerksamkeit und Klarheit umfasst. In jedem Moment, dem dunkelsten wie dem hellsten, sind gleichsam alle Momente enthalten. In jedem Moment deines wachen Lebens weißt du mehr oder weniger deutlich um diesen Moment und dass du es bist, der ihn erlebt. Weltbewusstsein und Selbstbewusstsein sind notwendig aufeinander bezogen und ineinander verschachtelt – aber nicht so wie Erlebnisinhalt und Reflexion des Erlebnisinhalts, die wiederum als Erlebnis zweiter Stufe aufgefasst werden kann usw. ad infinitum. Solch ein unendlicher Regress findet hier nicht statt.

Logische Schneisen I

Wenn du nur etwas sagst, hast du schon alles gesagt.

Etwas sagen heißt, jemandem etwas bedeuten oder zu verstehen geben. Dies ist die Basis-Handlung. In und mit welchen Medien sie ausgeführt wird, lässt die logischen Form unberührt.

Wenn du durch Nicken den anderen aufforderst, etwas Bestimmtes zu tun, hast du eine klare Aussage gemacht. Dein Gegenüber muss dabei verstehen, dass dein Nicken nicht unwillkürlich war, also kein nervöser Reflex, sondern willkürlich oder absichtlich. Als Basis-Handlung muss die Aussage intentional sein.

Nicken kann dem anderen nur in einem Kontext etwas bedeuten, etwa wenn er als Bittsteller an deine Tür tritt und du ihn mit dieser Geste einlädst. Ohne Kontext kann mit Gesten dieser Art nichts oder nichts Eindeutiges und Bestimmtes zu verstehen gegeben werden. Sie sind logisch und sprachlich unterstrukturiert.

Dein Gegenüber muss nicht nur verstehen, dass er angesprochen ist, sondern auch, was er verstehen oder was er tun soll. Indem er das im Inhalt der Aussage Angegebene ausführt, bekundet er in der Regel sein Verständnis des Gesagten – er könnte natürlich auch in diesem Moment aus eigenem Antrieb das Angegebene ausführen und nicht, weil du es verlangst. Dann bleibt offen, ob er verstanden hat oder nicht.

Die Geschichte, wie du die Anwendung der Wörter gelernt hast, ist in der Anwendung der Wörter nicht mitgegeben, sie ist gleichsam verschwunden und vergessen: Du kannst es. Du kannst reden und lesen und verstehen, ohne dich an die ursprüngliche Lernsituation erinnern oder an eine besondere Erfahrung zurückbesinnen zu müssen.

Daher scheinen Lesen und Verstehen, ja spontanes Sprechen gleichsam in der Luft zu schweben und ohne Bodenhaftung der Gefahr jähen Abstürzens ausgesetzt zu sein.

Du liest – und bist dir der grammatischen Regeln, denen der Text gehorcht, nicht bewusst. Aufgefordert, diese und jene Regel anzugeben, vermagst du es nicht. Und doch liest du ohne Schwierigkeiten. So auch mit dem Verstehen und Reden.

Was Grundlage des Argumentierens und Beweisens ist, kann nicht argumentativ abgeleitet und bewiesen werden.

Mittels der Uhr vergewissern wir uns der aktuellen Uhrzeit. Die Zeit ist die logische Dimension, in der wir zeitliche Einteilungen und Messungen vornehmen. Die Zeit als Dimension kann nicht vermessen werden. Vom Anfang oder Ende der Zeit zu reden, ist daher Unsinn.

Es ist töricht, sich über die Korrektheit des Metermaßes dadurch Gewissheit einholen zu wollen, dass man sich der Übereinstimmung des Meters bei mehreren Zollstöcken vergewissert.

Du gibst jemandem eine Rose zum Geschenk. Wenn ich dir mit einem Satz etwas zu verstehen gebe, hat diese Handlung nicht die Struktur, die jene Handlung hat, mit der du ein Geschenk überreichst. Das, was ich dir zu verstehen gebe, die Bedeutung des Satzes, ist allerdings jener Bedeutung analog, die du mit dem Geschenk der Rose zu verstehen geben kannst, wenn du damit nämlich deine besonderen Gefühle dem Beschenkten gegenüber zum Ausdruck bringen willst.

Der sinnvolle Gebrauch des Wörtchens „nicht“ oder des analogen Ausdrucks oder der analogen grammatischen Form in jeder beliebigen Sprache ist die logische Grundlage des Denkens. Denn wenn du etwas sagst, sagst du dies und nicht etwas anderes. Dabei ist das logische Universum dessen, was du von dem ausschließt und abgrenzt, was du sagst, von dem, was du sagst, determiniert. Wenn du sagst: „Dieser Kreis ist gelb“, schließt du aus, dass er rot, blau oder grün ist, aber auch, dass es sich bei der gezeigten Figur nicht um einen Kreis, sondern etwa um ein Rechteck handelt.

Sagst du: „Der Kreis ist gelb und rot“ sagst du die Wahrheit, wenn er teils gelb, teils rot ist. Sagst du: „Der Kreis ist gelb und nicht gelb“, ohne diese Aussage durch nähere Bestimmungen der Zeit oder des Raumes einzugrenzen, redest du bekanntlich Unsinn, weil Widersprüchliches. Du sagst etwas, was du zugleich nicht gelten lässt, also sagst du nichts.

Vergleiche die Begriffe „unwahr“ und „unsinnig“: Wenn du bis zuletzt dich beim Memory-Spiel auf die Zugehörigkeit zweier Karten nicht besinnen kannst, werden am Ende schlimmstenfalls zwei Orte von vier falsch zugeordneten Karten bedeckt sein. Deine Behauptung, die Karten wären äquivalent und deckungsgleich, wäre unwahr. Doch der Rest ist gut und gleichsam unbeschädigt. Dagegen halte, was in der Odyssee Homers Penelope treibt: Sie löst das tagsüber gewirkte Tuch des Nachts wieder auf, am Ende steht sie mit leeren Händen da, alle Liebesmüh ist vergebens und alles ist nichts – auch wenn dieser „Selbstwiderspruch der Tat“, dieses unsinnige Tun, in diesem Falle ausnahmsweise intendiert ist.

In nuce

Du meinst des Lebens ungeheure Fülle
zu umfassen mit der Hand,
die sich um den kleinen Zapfen einer Kiefer schließt.

Keine Hand und keine Elle,
kein Maß und auch kein tiefer Blick,
die weiche Zunge nicht,
die sich die feinsten Risse,
der Lebenswunde dunkle Zeichen,
geistesschnell erfühlt und prüft –

kein Wort, das wie die Spore
in den Strom des Reifens,
Siegens und Erliegens
fortgespült hinüberstrudelt –

kein Rätselbild,
das sich in spiegelnden Gesichtern
spannt und löst –

sie fassen und umfassen
des Lebens ungeheure Fülle nicht.

Doch du und ich,
einander stille haltend,
Hand in Hand,
an Blicken wie an Spinnenfäden
uns aneinander sinken lassend,
Schicht für Schicht,
Sinn für Sinn,
tiefer bis zum stillsten, reifsten, unberührten Grund –

um dort zu liegen zwischen Tod und Traum,
ruhig atmend beieinander –

und unsre Lippen sprechen,
sich leise rührend
unterm warmen Zustrom reinen Wissens,
uns einander los –

schon halb versunken
in der Dünung ewigen Verwehens.

Aus dem Tagebuch eines Wanderbusens

12. 6. 2013 – Bin jetzt seit zwei Wochen sozusagen auf eigenen Füßen und solistisch unterwegs. Die vollständige Emanzipation von meiner Trägerin war moralisch geboten und psychologisch alternativlos. Das ewige Gejammer über mein lustloses Schwappen, mein unmotiviertes Quatschen und unerhört! meine passiven und defätistischen Hängepartien machten mir den Coup unausweichlich.

14. 6. – Habe nunmehr die halbe Stadt durchwandert. Die untere Berger Straße mit ihrer reizenden urbanen Quirligkeit und dem Luxus schattig-erquickenden Rückzugs in den Bethmannpark gaben den Ausschlag, in diesem Viertel meinen ersten Sommer in Freiheit zu verleben.

17. 6. – Heute Einladung und Pressekonferenz in der Lokalredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, diesem heilsamen Bittertrank für intellektuell übersäuerte Mägen. Hieb mit dem Florett die mir von den Ewiggestrigen hingehaltene Rübe entzwei, ein Busen könne niemals allein … müsse schließlich als natürliches Paar … wo bleibe denn die der Schöpfung einbeschriebene natürliche Ganzheit der fraulichen Natur … bis endlich einer der Großkopferten der Redaktion, ein wie eine flachbrüstige Redaktionsassistentin mir zuflüsterte parfümierter Salonbolschewist und eigentlich harmlos-fideler Bewohner seines geistigen Entenhausens sich erhob und eine flammende Apologie auf die revolutionären Potentiale der Fragmentierung des Körpers vom Stapel ließ … solche destruierende Verrudimentierung könne sich auch literarisch in innovativen Schreibweisen … als der Kerl sich in Rage gepredigt hatte und mich mit seinen speckigen Redakteurspfoten onkel- und gönnerhaft tätscheln wollte, setzte ich zu meinem bekannten allesentscheidenden Busenhüpfer, auch liebevoll Busenhupferl genannt, an und entwatschelte der johlenden Journaille. Am Ausgang erwischte mich noch die Flachbrüstige und hielt mir einen Wisch mit der Adresse eines gewissen Dr. K. im Frankfurter Nordend hin. Dort solle ich unbedingt meine Aufwartung machen, der Büchernarr und feinsinnige Versequacksalber sei als bekennender und allseits bekannter Busenfreund, ja Busenfetischist, der richtige Ansprechpartner …

20. 6. – Wieder schön im Bethmannpark bei glänzendem Humor lustwandelt. Die Sonnenglut kitzelte mich zu lüsternen Phantasien und lustige Tropfen rannen mir über – ich hätte fast gesagt die Wangen. Netzte mich wohlig neben den Enten im Teich, Kühlung suchend, und rieb mir auf den Moosen des Ufersteins den Allerwertesten auf das Erquicklichste. Hüpfte schließlich auf eine Bank, mich auszustrecken oder vielmehr abzusacken. Sehnsuchtsvoll reckte ich die rosige Warze antennenfühlig ins hohe Blau, was mich schon bald wie perlender Sekt beseligte. – Setzte sich neben mich ein rot angelaufenes Männlein, wischte sich mit einem riesigen karierten Taschentuch den Schweiß von der Stirn, schneuzte geräuschvoll hinein, faltete es andächtig zusammen und steckte es umstandskrämerisch in die Hosentasche zurück. Dann nahm es mich wahr, das Männlein, schrak zurück und stammelte halb entrüstet, halb verlegen, ob man denn jetzt schon mitten an einem hellen Sommertage ohne Büstenhalter im städtisch gepflegten und gewarteten Bethmannpark freizügig auf der Bank sitzen dürfe … Ich konterte nicht schlecht und parierte mit der Gegenfrage, woran denn bitte der eingeforderte Büstenhalter mich freien Busen festmachen und halten können solle, ich sei schließlich solo unterwegs und gedenke es auch zu bleiben …

22.6. – Habe detektivisch Umschau gehalten und diesem Dr. K. hinterherspioniert. Will doch mal sehen, was er so treibt, bevor ich ihn anspreche oder ihm gar mein Herz ausschütte. – Horchte erstmals auf, als ein Kioskbetreiber, bei dem er neben der F. A. Z. noch andere Giftsachen bezieht, ihn geradezu devot mit Titel begrüßte. K. ließ sich das ohne mit der Wimper zu zucken gefallen, aber da er keine Miene verzog, schien ihm die Anrede auch nicht besonders zu schmeicheln. Überhaupt ist sein Mienenspiel mehr auf visuelle und olfaktorische als akustische Reize hin ausgerichtet: Pfeift eine Amsel fidel daher, plätschert im Chinesischen Garten das Brünnchen, ja saust bloß der Wind ums Eck des Musikantenwegs, fährt ihm eine kindliche Freude mit sanfter Hand über die Stirn; beim Geruch von Mandeln oder Vanille, von im heißen Fett knisternden Kartoffelpuffern oder frischen Sardellen muss er grinsen und stellt den Kopf schräg wie ein verblüfftes Kind, beim schweren Duft mancher Parfüms schließt er unwillkürlich die Augen und ein Glanz salbt sein Gesicht mit fettem Friedensöle.

23. 6. – Der zieht immer in denselben Latschen windschief daher. Sein unterentwickelter Modegeschmack, das ausgeleierte Schuhwerk, sein störrisch staksender Gang und seine tiefsinnig tröpfelnde Indianernase scheinen mir nicht auf reichhaltige lyrische Flöze zu deuten.

25.6. – Bin ganz schön braun geworden. Steht mir gut. Was aber wird im Winter? Da brauche ich ein warmes Nest. Trotzdem habe ich begonnen, mir ein wärmendes Mützchen zu häkeln.

26. 6. – Heute wurde Herr K. doch blass, als ich bei ihm geklingelt habe und aus heiterem Himmel an seiner Tür erschien. In einer Schrecksekunde unerbetener Erleuchtung begriff er da wohl, dass die letzte komisch-groteske Phase seines Erdenlümmelns eingeläutet worden ist, da hinfort seine leichtfertig, mutwillig, böswillig oder einfach aus Dusel entworfenen Kreaturen sich aufdringlich verleiben und ihn zu peinlichen Selbstbefragungen heimsuchen.

Doch hatte er sich, ganz Philosoph, oder soll ich sagen, schon recht abgestumpft?, bald gefasst und bot mir in seiner mit Büchern verstopften Wohnung Platz auf einem wackligen Stühlchen in der Küche, war auch rührend um mein leibliches Wohl besorgt, indem er mit Tee und Feingebäck aufwartete. Wie er mich anblickte, wie ich verlegen auf dem Stuhl hin- und herrutschte!

Eins muss man ihm lassen: Dumme Fragen stellt er nicht! Hätte ja auch kein Recht darauf. Jedenfalls fragt er nicht wie all die aufgeklärten Platt- und intellektuellen Fischköpfe, all die F. A. Z. lesenden Illiteraten, wie denn dies alles nur möglich sei, wie ein Busen denn seiner Trägerin entfliehen, wovon ein entlaufener Busen sich denn ernähren könne, wie etwas ohne Hirnschmalz denken, wie ohne Beine gehen, ohne Hände schreiben können soll. Und wie die immerfort moralisch betroffenen Stirnrunzler anklagend zu bedenken geben: Bezeuge es nicht einen gänzlichen Zerfall des moralischen Bewusstseins, wenn von dem elenden Zustand der einstigen Eigentümerin, Besitzerin und Nutznießerin dieses gewissenlosen Busens mit keinem Wörtchen die Rede sei? All diese dämlichen Fragen stellte mir Herr K. nicht, wofür ich ihm sehr dankbar war.

Ja, K. ließ durchblicken, dass ich recht daran tat, von zu Hause auszubüchsen und mich um das Gewesene keinen Deut zu scheren. Denn Teil einer grotesken Geschichte zu sein enthebe von jeder stilverderbenden Pflicht und erhebe den Teilnehmer auf die olympische Alm fettglänzenden Humors und irisierender Immoralität. Ich sei, so mein Herr K., eine semantische Elendsbagatelle und Unglücksarabeske, für einen kurzen Flirt mit dem Absurden und ein flottes Tänzchen mit dem Unmöglichen auf das Manierlichste und Herzigste zu Diensten. Die von mir recht treuherzig verballhornten Menschlichkeiten und die grellen Effekte komisch-grotesker Art möchten die Lachmuskeln reizen – und während man lacht oder lächelnd dem Irrealen nachsinnt, denkt man nicht an das wahre Ausmaß des wahren Elends, samt hundsföttischem Tod und anderen Gebrechen, Beulen und Geschwulsten des Daseins. Sei das nicht vielleicht außerhalb des moralischen Bezirks im engeren Sinne eine moralische Klein- oder auch Großtat im weiteren Sinne? So dienen des Elends verzerrte Mienen und Missbildungen, seine Schieflagen und Perversionen einzig als Kringel und Luftschlangen kindlicher Vergnügungen.

29. 6. – Ich habe beschlossen, bei K. zu bleiben. Er mag verkorkst und eigensinnig sein, er mag durch den Nebel der Selbstverkennung tappen, so hat er doch ein wenn auch hinter Versponnenheiten und Versonnenheiten gut verstecktes gutes Herz. Ich finde in der Wohnung die schönsten Verstecke und gemütlichsten Ecken und Winkel. Auch bin ich froh, dem Gejohle der Gassenjugend entronnen zu sein, aber auch den kalten Schnauzen der Hunde, die es immerzu trieb, mich zu beschnuppern und zu schubsen, ja denen ich, wenn sie schon ein Bein emporgehoben hatten, nur mit einem gewagten und heroischen Busenhupferl entweichen konnte.

2. 7. – Oft sitze ich im Schatten unter duftenden Lilien und lausche dem Singsang und lullendem Gebrummse und Gesummse, wenn K. meinem Betteln endlich nachgibt und einige seiner lyrischen Gedichte rezitiert. Die liegen mir besonders. Da kann ich bei jeder zitternd-zögernden Wendung in mich hineinzittern, mit jeder Emphase mich schütteln und rütteln und bei elegischen Pointen passiertʼs glatt, dass mir ein milchiges Tröpfchen entspritzt.

4. 7. – Ich will doch vorsichtig sein und habe ein gutes Versteck für mein Tagebuch ausfindig gemacht – gleich unter K.s Matratze, so dass mir der Gedanke, wie er nachts sich auf meinen Zeilen wälzt, kein geringes Vergnügen bereitet. Es wäre, denke ich, wohl alles in allem mehr irritierend als erheiternd für K., wenn seine kurzsichtigen Augen diesen intimen Zeilen nachtasten würden.

7. 7. – Des Abends hebt mich K. auf beide Hände und lässt mich sanft in den dunklen Bauch einer großmundigen chinesischen Vase hinabgleiten, wo ich auf leise schwappendem Wasser gleich einer Teichrose schwebend in die Nacht dämmere. Manchmal drehe ich mich im Kreis und lausche den einzelnen Tropfen nach, die vom Innern der Vase wie Schweißperlen herabrinnen und ins Wasser stürzend platzen und klatschen. Manchmal ist mir, als hörte ich im Finstern ein Herz schlagen oder es ist der dumpfe Hall einer fernen Glocke.

9. 7. – Ab und an bekommt K. Damenbesuch. Da werde ich schon zeitig in die Vase gelassen und mit dieser in einer Abstellkammer im Zwischenstock über dem Korridor verborgen. Es überkommen mich wenig zuträgliche, seltsam gemischte Gefühle, wenn mädchenhaftes Gekicher und ziegenbockiges Gemecker von unten zu mir dringen. Da beginnt mir das Kreisen auf dem Wasser Schwindel zu erregen, es wird schneller und schneller, ich kann es nicht hemmen, die Vase ist erfüllt von Glucksen und Seufzen, eine unnatürliche Wärme steigt vom Boden wie aus brackigem Grund eines Morastes auf.

Da muss ich seltsame Laute vernehmen, „Ui!“ und „Wui!“, „Schlubbes“ und „Schrubbes“, „Boahaumi!“ und „Itzeflaudi“. Ich kann nicht dagegen an, es überkommt mich ein kitzelnder Reiz, der mich vibrieren macht und kichern, ja kichern, endlich fange ich das Zwitschern an wie ein zu früh erwachtes Vögelchen. Meine anmutig aufgereckte Warze beginnt wie eine Boje auf hoher See zu schaukeln und wie eine Liebesmücke in der Frühlingsnacht zu glühen.

11. 7. – Der gute K. nahm mich heute, ein fremder Busen traulich verborgen und geborgen an seinem Busen, in sein Stammlokal mit, wo ihn an der Bar ein großes Hallo! begrüßte. Das war eine mir doch gar zu fremde Welt und eine hemdsärmelig schulterklopfende und haudegenhafte Geselligkeit unter Mannsbildern, die halbherzig zu weicheren Gesten nur neigen, wenn ihre Blicke sich in den Ausschnitt der Bedienung verlieren. Witze knallen wie Federbälle an die Wände, sind lose wie Knöpfe am Hosenschlitz. Aus balkanischem Kauderwelsch scheinen wie in giftigem Nebel Blitze krummer Dolche aufzutauchen. Da war es mir wohl, als K. nach draußen ging, um allein an einem Tischchen bei flackerndem Kerzenschein zu rauchen und ein paar Zeilen in sein Notizbuch zu kritzeln – merkte er wohl, dass ich ihm souffliert habe?

13. 7. – Heute ist die Vase gesprungen. Mitten in dem „Hui!“ und „Ui!“, dem „Schlutzen“ und „Mutzen“ fing das Wasser in der Vase in meinem Versteck an zu sprudeln und zu brodeln, ich drehte mich schnell wie eine CD-Scheibe und mir entrang sich ein hoher Pfeifton, der abrupt umschlug in das Zischen einer in die Enge getriebenen Ratte. Da sprang die Vase entzwei. Totenstille. Das Schicksal nahm seinen Lauf.

18. 7. – Die Freundin hatte das Geheimnis entdeckt, mich aus den Scherben geborgen und mit einem Ausdruck von Abscheu demonstrativ Herrn K. auf den Küchentisch gelegt. Und sie entschwand stante pede, den Regenhut tief ins Gesicht gedrückt, auf Nimmerwiedersehen!

24. 7. – K. ist verschwunden. Habe lange gewartet, bin von Zimmer zu Zimmer gehüpft. Da machte ich eine bizarre Entdeckung: Auf der Wand in der Küche sind die Konturen von K.s Körper wie ein eingebrannter Schatten abgebildet. Als wäre er durch die Wand gegangen, als hätte sich sein Körper atomar aufgelöst und sei mit der Materie von Lehm und Kalk, Mörtel und Gips regelrecht verschmolzen.

27. 7. – Der Schattenriss von K.s Körper hat sich mit einem zarten Flaum hellgrüner Flechten und Moose überzogen. – Jetzt habe ich nur noch den einen Gedanken: Wandern, ich will wandern, loshüpfen und entspringen bis über die Grenze, hinter der ein Busen frei seiner Nacktheit und seinem hochgemuten Eigensinn leben kann.

30. 7. – War schon aus der Tür, da überkam mich der Gedanke, ob ich K. nicht den letzten Gefallen schuldig sei, seine Webseite mit einem einzigen fatalen Tastendruck zu löschen. Doch beließ ich es, wie es ist und geht und weitergeht – möge all das Geschriebene und Gedachte, Gefühlte und Kaum-Gefühlte, das Mitgeteilte und in zarten Allusionen Herbeigeschwiegene in dem schwarzen kosmischen Wind verwehen, in dem letzten Sturm, in dem alle Gestalten und Formen und Strukturen zerrissen und in einer letzten apokalyptischen Egalisierung gesichtslos werden.

14. 1. 2014 – Hurra, ich hab es wohl getroffen. Ich bin zur Insel Kallisto im pazifischen Ozean geflogen, lebe hier in einer freizügigen Kommune entlaufener primärer und sekundärer Geschlechtsteile. Wir leben sanft und gut von nichts als Luft und freier Liebe!

Schabernäckchen oder: Sei doch nicht so!

Schieb doch keinen Hals,
mein lieber Schwanenhals!
Panta rhei, falls
du dich erinnerst
an die Sprüche jenes Schwerenöters.

Sei doch kein Spielverderber,
mein schlauer Seelenfärber,
alles geht vorbei,
alles springt entzwei
oder dreht sich mit dem Wedeln eines Straßenköters.

Zieh doch keine Schnut,
fass, mein Täubchen, Mut,
die Krähen hab ich all verjagt,
zu lieben hat dein Herz gewagt,
wenn süßer Anhauch das Gefieder bauscht.

Mach doch keinen Terz,
lass dich herzen, Herz,
das Süppchen hab ich schon verrührt,
zu goldenen Träumen dich verführt
mein Liedchen, dir vom lieben Atem abgelauscht.